Die Durchfahrt ist für Unberechtigte verboten: Die Schilder an der Amstetter Straße werden jedoch häufig von Autofahrern ignoriert, wie Verkehrskontrollen bestätigen. Foto: Elke Hauptmann

Die Amstetter Straße ist ein beliebter Schleichweg – und laut Ordnungsamt die meist kontrollierte Anliegerstraße im Stuttgarter Stadtgebiet.

Hedelfingen - E s ist ein ganz normaler Samstagnachmittag, Viertel nach drei am Ende der Amstetter Straße. Kein Berufsverkehr, kein Stau auf der parallel verlaufenden Bundesstraße 10, keine Großveranstaltung, die Auswärtige in Scharen in die Landeshauptstadt lockt. Und dennoch muss man nicht lange warten auf Autofahrer, die wie selbstverständlich den für den Individualverkehr gesperrten Straßenabschnitt nutzen. Nur der Linienbus, Mofas, landwirtschaftlicher Verkehr und Anlieger sind durchfahrtsberechtigt. Doch getreu der Devise „Anlüger frei“ werden die Verbotsschilder in beide Fahrtrichtungen gleichermaßen ignoriert – nicht nur von Fahrern aus dem Umland, wie die Kennzeichen verraten, sondern auch von vielen Stuttgartern.

Regelmäßige Verkehrskontrollen bestätigen die täglichen Beobachtungen der Hedelfinger: Die Amstetter Straße, die sich mitten durch den Ort zieht, ist seit vielen Jahren ein beliebter Schleichweg zwischen Esslingen und Hedelfingen, weiß man auch im Stuttgarter Rathaus. „Aufgrund der stetigen Beschwerdelage“ hat der städtische Vollzugsdienst deshalb das rund 100 Meter kurze Teilstück verstärkt im Blick – die Amstetter Straße sei sogar „die meist kontrollierte Anliegerstraße im Stadtgebiet“, teilte das Amt für Öffentliche Ordnung Bezirksvorsteher Kai Freier auf seine Anfrage mit.

Trotz Corona zehn Kontrolltermine in diesem Jahr

Der Hedelfinger Schultes wollte wissen, wie oft und mit welchem Ergebnis in diesem Jahr die „Anlieger frei”-Regelung überprüft wurde. Denn der Bezirksbeirat hatte häufigere Kontrollen gefordert. Die Antwort des Ordnungsamtes: In den ersten zehn Monaten des Jahres habe man in der Amstetter Straße zehn Kontrollen durchgeführt. Was offensichtlich wenig ist, denn eine Entschuldigung folgt umgehend: „Aufgrund der Corona-Situation mussten in 2020 die Kontrollen während des Lockdowns ausgesetzt werden, da wir unter anderem auch die Einhaltung der Vorgaben der Corona-Verordnung zu kontrollieren hatten.“ Deshalb habe es in den Sommermonaten keine Aktionen gegeben.

Es fanden drei Kontrollen im Januar statt, zwei im Februar, zwei im September sowie drei im Oktober – an unterschiedlichen Wochentagen, mal im morgendlichen Berufsverkehr zwischen 7.30 und 8.30 Uhr, mal am späteren Vormittag zwischen 9.30 und 11 Uhr, mal in der nachmittäglichen Stoßzeit zwischen 16 und 17 Uhr. Teilweise wurde sogar zweimal am selben Tag kontrolliert. Die Bilanz ist ernüchternd: Zwischen 9 und 27 Verstöße innerhalb der kurzen Zeitfenster wurden registriert, insgesamt 136 gebührenpflichtige Verwarnungen ausgesprochen.

Viele Autofahrer entzogen sich durch Wenden der Kontrolle

aber nur die Spitze des Eisbergs sei, räumt das Ordnungsamt ein. Insgesamt sei festzuhalten, dass sich viele zur Kontrolle anstehenden Autofahrer der Überprüfung entziehen konnten, indem sie vor dem Kontrollpunkt umkehrten. Und das seien auffällig viele gewesen, stellen die Mitarbeiter des Vollzugsdienstes fest: Insgesamt 182 „Wender“ habe man registriert. Zwischen 9 und 35 Autofahrer pro Kontrollzeit haben sich der Statistik zufolge dadurch ein teures „Knöllchen“ erspart – wer kein tatsächliches Anliegen nachweisen kann, riskiert ein Bußgeld von bis zu 75 Euro. Alles in allem wurden also 318 tatsächliche und potenzielle „Schleicher“ in der Amstetter Straße registriert. Die Anhaltekontrollen ergaben natürlich auch berechtigte Fahrten von Anliegern. Aber das seien „auffällig wenige“ gewesen – insgesamt gerade mal 40 an der Zahl.

Die Frage stellt sich: Welche Konsequenzen sollten aus diesen Zahlen gezogen werden? Seit Jahren schon beschäftigt das Thema den Hedelfinger Bezirksbeirat. Doch eine Lösung scheint nicht in Sicht. Die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat hatten vor einem Jahr angeregt, den Schleichverkehr in der Amstetter Straße durch „anwohnerfreundliche Versenkpoller“ wirksam zu unterbinden – dafür gibt es im Rathaus bislang jedoch keine Planung. Strittig ist zudem, ob und wie der Kreis der durchfahrtsberechtigten Anlieger ausgeweitet werden könnte. Nicht wenige Anwohner wünschen sich die Durchfahrtsmöglichkeit. Sie argumentieren, dass sie lange Umwege über den chronisch verstopften Hedelfinger Platz in Kauf nehmen müssten, um zum Beispiel zur Deponie Einöd zu gelangen. Das sei nicht gerade umweltfreundlich.

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