Daniel Didavi steht zum dritten Mal in Folge in einem Relegationsspiel. Foto: dpa - dpa

Der VfB Stuttgart tritt am Donnerstag im Relegations-Hinspiel gegen Union Berlin an. VfB-Spieler Daniel Didavi steht zum dritten mal in Folge in der Relegation

StuttgartShowdown, Relegationspokal, Tag der Entscheidung, Woche der Wahrheit, High Noon – es gibt viele Möglichkeiten, das Bevorstehende zu beschreiben. Welche die passende ist? Völlig egal! Sicher ist nur: Jetzt geht’s um alles.

Der VfB Stuttgart will nach einer „miserablen Saison“ (Mittelfeldspieler Daniel Didavi) doch noch in der Fußball-Bundesliga bleiben. Der 1. FC Union Berlin möchte nach einigen vergeblichen Anläufen endlich der zweiten Liga entfliehen. Doch: Es kann nur einen geben, der in der neuen Spielzeit Club Nummer 18 im Oberhaus ist. Wer es sein wird? Entscheidet sich in zwei nervenaufreibenden Duellen. Das erste steigt an diesem Donnerstagabend (20.30 Uhr) in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena. Aus Sicht des VfB heißt es dann: Vorhang auf für den Überlebenskampf. Die Stuttgarter sind der 16. der Bundesliga, die Berliner der Dritte aus dem Unterhaus – die Rollenverteilung ist also klar. Aber sonst? Schauen wir es uns an.

Die Ausgangslage: Der VfB ist alles andere als ein Überraschungsgast in der Relegation. Seit dem 16. Spieltag steht der Club auf Rang 16. Dennoch gilt die Teilnahme nun als ganz neue Chance. Warum, begründet unter anderem Didavi: „Mit 28 Punkten steigst du normalerweise ab, daher bin ich froh darüber, dass wir in der Relegation antreten dürfen.“ Sein Trainer Nico Willig ergänzt: „Wir haben etwas zu gewinnen.“ Obwohl Didavi auch weiß: „Ein erneuter Abstieg wäre für den Verein eine Katastrophe.“ Weil sich nach dem Wechsel von Markus Weinzierl zu Willig aber noch einmal eine positive Entwicklung eingestellt hat, gehen sie in Stuttgart allesamt zuversichtlich in die Partien. Didavi: „Die Stimmung ist nicht negativ.“

Und in Berlin? Die Eisernen hatten ganz schön zu knabbern am letzten Spieltag der zweiten Liga. Ein Tor mehr (zum 3:2 in Bochum) – und Union wäre direkt aufgestiegen. Es gelang nicht, weshalb vor der Relegation Aufbauarbeit geleistet werden musste. „Optimal wäre es, wenn wir die negative Energie in eine Trotzreaktion umwandeln könnten“, sagt FC-Trainer Urs Fischer, der versichert: „Wir haben uns sofort an die neue Aufgabe herangemacht.“

Die Erfahrung: Die Berliner haben einen Aufstiegsexperten im Team: Ken Reichel schaffte einst mit Eintracht Braunschweig erst den Sprung in die zweite, dann den Aufstieg in die erste Liga. Aber: An die Relegation hat er keine guten Erinnerungen. 2017 scheiterte der Außenverteidiger mit der Eintracht am VfL Wolfsburg. Und damit auch an Didavi. Der Mittelfeldspieler ist der Experte in Sachen Relegation auf Stuttgarter Seite. Zweimal stand er zuletzt mit den Wolfsburgern in den Entscheidungsspielen, nun ist es mit dem VfB so weit. „Für mich ist die Relegation zweimal gut ausgegangen“, sagt Didavi, der 2018 aber wegen einer Verletzung nur Zuschauer war, „von daher habe ich jetzt keine schlaflosen Nächte.“ Ohnehin hätten diese vergangenen Erlebnisse mit der jetzigen Situation nicht viel gemein. „Ob du schon zwölfmal Relegation gespielt hast oder noch nie – das hat mit den kommenden zwei Spielen nichts zu tun. Es werden wieder besondere Spiele mit einer anderen Anspannung und einer anderen Stimmung“, sagt er – und weiß dennoch, worauf es ankommen wird. Auf einen Schuss Lockerheit trotz all der Anspannung. Darauf, dass der Trainer seinen Spielern Vertrauen vermittelt. Und darauf, die Eigenschaften des Zweitligisten, also das Kämpferische, energisch zu erwidern. Neben Didavi haben beim VfB auch der verletzte Andreas Beck, Ersatzkeeper Jens Grahl (beide mit Hoffenheim), Mario Gomez (mit dem VfL Wolfsburg) und Erik Thommy (mit Jahn Regensburg) bereits erfolgreich an Relegationsspielen teilgenommen.

Das Drumherum: Innerhalb von wenigen Stunden war das Heimspiel des VfB in der Mercedes-Benz-Arena mit fast 60.000 Zuschauern ausverkauft, das Kontingent fürs Auswärtsspiel ist längst vergriffen, und auch die 11.000 Plätze fürs Public Viewing am Montag sind schon nicht mehr frei. „Wir packen das gemeinsam“, sagt VfB-Trainer Nico Willig, der weiß, dass die Stuttgarter Fans viel ertragen mussten in dieser Saison – der sie aber noch einmal direkt anspricht: „Wir brauchen Unterstützung.“ Als Gegenleistung versprach er, dass „die Mannschaft total fokussiert sein wird“.

Die Euphorie in Berlin ist derweil riesengroß. 5000 Berliner werden in der Mercedes-Benz-Arena sein, im Stadion an der Alten Försterei wird ein Public Viewing angeboten. Das Rückspiel ist mit über 22.000 Zuschauern ausverkauft, über Organisatorisches einer möglichen Aufstiegsfeier ist in Berlin auch schon gesprochen worden.

Die Spiele: Nico Willig sieht sie als Paket – doch zunächst will der VfB im Hinspiel vorlegen. „Am besten wäre es, wenn wir das Heimspiel mit mehr als einem Tor Unterschied gewinnen“, sagt Didavi. Wichtig ist aufgrund der Europapokalregel aber auch, zu Hause kein Tor zu kassieren. „Wir gehen mit einer breiten Brust in die Spiele“, versichert Willig, der mit seinem Team „dominant“ auftreten will. Und: „Mit heißem Herzen und kühlem Verstand.“ Personell hat Willig nahezu alle Möglichkeiten. Nur Beck fehlt verletzt, Santiago Ascacibar ist im Hinspiel noch gesperrt.

Die Berliner, die laufstark sind und kompakt stehen, können auf eine stabile Defensive bauen (33 Gegentore in 34 Spielen). Innenverteidiger Florian Hübner fehlt in Stuttgart aber gelbgesperrt. „Wir werden versuchen, nach vorn zu spielen und gut zu verteidigen“, sagt Union-Trainer Fischer.

Der Anpfiff: Genug geredet, jetzt wird gekickt. Donnerstag. 20.30 Uhr. Bad Cannstatt. Showdown, Relegationspokal, Tag der Entscheidung, Woche der Wahrheit oder High Noon? Wie gesagt: völlig egal. Willig: „Die Jungs wissen, worum es geht.“

Kritik von allen Seiten

Ex-Weltmeister Guido Buchwald findet, dass erfahrene Spieler des VfB wie Gonzalo Castro oder Daniel Didavi ihren Leistungszenit überschritten haben . Der Kader sei „einfach schlecht zusammengestellt“, sagte der 58-Jährige in einem Interview mit der „Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen“. „Man hat nur ganz junge Spieler, die noch nicht so weit sind, oder eben Ältere geholt, deren Leistungszenit überschritten ist. Wie zum Beispiel Castro oder Didavi.“

Angreifer Anastasios Donis hat Ex-Trainer Markus Weinzierl kritisiert. „Er hat eher mit den erfahrenen Spielern und weniger mit den jungen Spielern gesprochen. Meiner Meinung nach war das ein Problem“, sagte der griechische Fußball-Nationalspieler der „Sport Bild“.

Laut Ex-Profi Matthias Sammer hat sich der VfB zu sehr von seiner erfolgreichen Vorsaison blenden lassen. „In der Vorsaison hat Tayfun Korkut eine Wahnsinns-Serie gestartet. Hauchdünn die internationalen Plätze verpasst zu haben, hat natürlich alles ausgelöst, aber keinen Realitätssinn“, sagte der Eurosport-Experte in einem Videobeitrag. „In Stuttgart hast du das Gefühl, dass sie es durch all die Zusammenhänge in einer wahnsinnigen Regelmäßigkeit schaffen, sich fußballerisch selbst zu zerstören.“ Der 51-Jährige sieht es als ein Problem des VfB an, dass es keinen Stabilitätsfaktor gebe, „der intern sowie extern das ganze Umfeld stützt.“

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