Tiertrainerin Claudia Vollhardt untersucht den Fuß von Elefantendame Saida. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Im Haus für Elefanten im Zoo Karlsruhe gibt es nicht nur Spiel- und Schlafzonen, sondern auch einen Bereich, in dem die Tiere trainiert werden. Was lernen sie dort?

Während in der Stuttgarter Wilhelma der Spatenstich für die neue Elefantenwelt erfolgt ist und auch dort in ein paar Jahren nach neuen Umgangskriterien gearbeitet werden soll, wird dieses Prinzip des „Protected Contact“ (geschützter Kontakt) bereits im Zoo Karlsruhe bei den Elefanten angewandt. Der Zoo Karlsruhe, der im vergangenen Jahr mehr als 1,1 Millionen Besucher gezählt hat, ist eigenen Angaben zufolge der einzige Zoo in Deutschland, der in seiner Altersresidenz für Asiatische Elefanten eine einzigartige Haltungsform verwirklicht.

Immer ist ein Zaun oder ein Gitter zwischen Tier und Pfleger. Und dennoch machen die Tiere freiwillig und problemlos mit, wenn es darum geht, dass ihnen beispielsweise die Füße gebadet oder die Nägel geschnitten werden müssen. Was steckt dahinter, und wie gehen Trainer und Pfleger damit um, wenn ein Tier stirbt?

Die Elefantendamen Jenny (43), Saida (53) und Indra (30) haben schon viel geübt und üben immer noch täglich, weiß die Kuratorin Claudia Vollhardt. Sie trainiert in ihrer einfühlsamen, ruhigen und geduldigen Art mit den Elefanten seit zehn Jahren im Karlsruher Zoo. Dabei erkennen die Tiere schnell, wie sie kooperieren können.

Tonnenschwere, riesige Dickhäuter

Auch die Pfleger haben diese Umgangsweise von ihr gelernt. Sie kennen ihre Tiere genau. Dickhäuter-Pflegerin Mara Müller kennt Maße und Gewicht der drei Elefanten-Damen Jenny (43 Jahre), Saida (53) und Indra (30). Jenny ist 2,70 Meter hoch und wiegt mehr als 4,6 Tonnen. Indra wiegt auch schon 4,1 Tonnen und ist, wie ihre Mutter, schon riesig, 2,90 Meter groß. Saida wiegt 4,3 Tonnen und misst 2,93 Meter.

Direkt neben diesem Aufenthaltsbereich ist die Trainingsbox. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Geübt wird in einer speziellen Trainingsbox. Sie befindet sich im Dickhäuterhaus direkt neben dem Aufenthalts-, Spiel- und Schlafbereich. Auffallend ist das hohe Metallgitter von oben bis unten, das Mensch und Tier trennt und damit ganz dem neuen Prinzip des geschützten Kontakts entspricht, welches von europäischen Zoos vom EAZA-Verband bis zum Jahr 2030 gefordert wird. Es hat zwischen den Stangen verschiedene Schlitze und Öffnungen. Besucher und Pfleger stehen mit Abstand hinter einer gelben Linie.

In der Trainingsbox für Elefanten

In der Trainingsbox mit Betonboden können die Dickhäuter beispielsweise geduscht werden. Auch Blutabnahme aus dem Ohr ist in der Trainingsbox möglich. Aber auch Maniküre geht hier. Wie die Vorbereitungen dazu gehen, zeigt heute Elefantendame Saida. Sie ist in die Trainingsbox gekommen.

Saida setzt ihren Fuß in der Trainingsbox ins Bad im Eimer. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Zuvor war dort ein schwarzer Eimer mit Wasser, weißer Seifenlauge, Kernseife gestellt worden. Diesen darf Saida nun benutzen, wenn sie möchte. Und das tut sie. Vorsichtig hebt sie einen Fuß und setzt ihn ins Wasser und badet ihn einige Minuten lang. Fast nebenbei nimmt sie Leckerli am Boden auf, die ihr die Tierpflegerin gibt. Ein Fußbad wird mit Leckerli belohnt.

Saida legt einen Fuß aufs Gitter in der Trainingsbox. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Dann klopft Pflegerin Mara Müller auf eine Querstange im unteren Bereich des Gitters. Schon hebt die Dickhäuterin ihren rechten Fuß und setzt ihn drauf und der Fuß samt seiner beeindruckend großen Zehen erscheint durch die Öffnung. So kann der esstellergroße Fuß bequem von allen Seiten untersucht werden. Bei Bedarf werden so auch die Nägel geschnitten.

Wann etwas geübt oder gepflegt wurde, wird es genau ins Tablet notiert. Für Saida gibt es heute Brot und Gemüse als Leckerli. Dass heute noch eine fremde Person hinter der gelben Linie steht, stört die Dickhäuter nicht. „Auch das sind sie gewöhnt“, sagt Trainerin Vollhardt nicht ohne Stolz. Doch die gelbe Linie am Boden ist wichtig, erklärt die Trainerin. Sie darf nicht von Besuchern überschritten werden.

Fehler der Tiere werden einfach ignoriert

Denn Elefantendame Saida ist neugierig. Schon kommt sie mit ihrem Rüssel nach draußen. Mit dem Rüssel kann der Elefant sehr gut greifen, auch Personen. Jetzt wird von Seiten der Pfleger und Besucher nicht reagiert. Das ist Vollhardt ganz wichtig. Und erklärt sie gleich. Denn, das Prinzip lautet: Wenn die Tiere Fehler machen, machen wir nichts. Es wird ignoriert. Saida zieht ein paar Momente später ihren Rüssel zurück.

Nebenan im Bereich bekommen die beiden anderen Dickhäuter Feldahornäste zu fressen. Ständig etwas Neues und Abwechslungsreiches. Mit ihrem Training wird deutlich, dass Alter auch bei Elefanten kein Hindernis ist. Damit räumt Vollhardt mit einem Vorurteil auf, dass ältere Tiere nicht mehr so viel lernen können. Das können sie doch. Sie lernen neu soziales Verhalten miteinander und die Kooperation mit den Tierpflegern. Über jeden Erfolg freut sich die Trainerin. „Mir ist wichtig, dass die Tiere Spaß haben dabei und ausreichend Pausen gemacht werden“, sagt Vollhardt.

Es gebe nichts Tolleres als das Erfolgserlebnis, es zusammen hinbekommen zu haben. Es mache die Arbeit im Zoo auch stressfreier. Ein gutes Training strahle in viele andere Bereiche.

Wenn im Zoo ein Tier stirbt, wird gemeinsam Abschied genommen. Foto: Timo Deible/Zoo Karlsruhe

Und wenn es eines Tages Abschied nehmen heißt und ein Tier im Zoo stirbt, stehen im Zoo Karlsruhe die Pfleger zusammen. „Wenn wir ein Tier erlösen müssen, sind alle vertrauten Leute dabei und nehmen gemeinsam Abschied.“ Auch die anderen Tiere sind dann da. So können sich alle in Ruhe verabschieden.

Bisher kein Abschiedsschmerz bei den Elefanten

Besondere Probleme oder Abschiedsschmerz hätten die Elefanten bislang nicht gehabt, berichtet Vollhardt. Doch jetzt werde es künftig interessant mit Saida und Indra, die ja verwandt sind – bekanntlich Mutter und Tochter. Da könnte es sein, dass ein Abschiedsschmerz bei dem übrig bleibenden Tier sichtbar wird. „Aber das weiß man nicht“, sagt Vollhardt. Trauer mache sich bei Tieren bemerkbar, wenn sie sich nicht vom Verstorbenen trennen wollen. Das sei ganz unterschiedlich. Manche seien traurig, andere nicht. Im Zoo Karlsruhe kann jeder Tierpfleger selber entscheiden, was er macht. Tote Tiere werden oftmals obduziert, um die genaue Todesursache festzustellen. „Wir überlassen es den Tierpflegern, ob sie bei der Sektion dabei sind. „Das verlangen wir von keinem“, sagt Vollhardt.

Bei ihrem Tiertraining spricht Vollhardt viel mit den Dickhäutern, sagt sie. „Wenn man da nicht mit Herzblut dabei ist, hat man den Beruf verfehlt.“ Mit ihrer Stimme, ihren Worten und Gesten zeigt sie und zeigen die Tierpfleger den Dickhäutern genau, was sie sich wünschen. Die besondere Kommunikation im gemeinsamen Respekt von Mensch und Tier in der Altersresidenz Karlsruhe ist beeindruckend. Ob eines Tages auch die Elefanten-Damen Pama und Zella hier einziehen können, ist unklar. Das wird über das EEP entschieden, das Europäische Erhaltungszuchtprogramm der EAZA (Europäische Vereinigung von Zoos und Aquarien).