Das Grab von Hermann Schlotterbeck und zehn weiteren Ermordeten. Foto: eh - eh

Am 30. November 1944 wurde die Familie des Untertürkheimer Widerstandskämpfers Friedrich Schlotterbeck ermordet – mit ihr auch seine Verlobte und weitere Mitstreiter.

Untertürkheim Der Kommunist und Widerstandskämpfer Friedrich Schlotterbeck (1909-1979) war Einwohner der Gartenstadt Luginsland, lebte in der Annastraße 6. Unerschrocken kämpfte er gegen das Hitler-Regime und verlor deshalb auf grausame Art und Weise seine Eltern und Geschwister, seine Verlobte und einige Mitstreiter. Morgen jährt sich der Tag ihrer Ermordung zum 75. Mal: „Wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ wurden sie am 30. November im KZ Dachau hingerichtet. Die von der SS verscharrte Leiche seines Bruders Hermann wurde im Juli 1945 bei Riedlingen gefunden.

Friedrich Schlotterbeck, Funktionär des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands, wurde Ende 1933 inhaftiert und saß zehn Jahre hinter Gitter. 1943 entließ ihn die Gestapo aus dem KZ Welzheim – in der Hoffnung, dass er ihnen als Spitzel dienen werde. Doch der Luginsländer ließ sich nicht vor den Karren spannen, sondern arbeitete im Untergrund weiter gegen das Nazi-Regime. Im Mai 1944 wurde die Gruppe Schlotterbeck dann verraten. Friedrich gelang als einzigem die Flucht in die Schweiz. Erst nach Kriegsende erfuhr er vom Schicksal seiner Familie und Freunde, für die auf dem Untertürkheimer Friedhof eine Ehrengrabstätte angelegt wurde.

Friedrich Schlotterbeck wurde Präsident des Roten Kreuzes Württemberg-Baden, war Mitinitiator der Internationalen Sanitätshilfe und 1948 Vorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Unmittelbar nach Kriegsende fasste er seine Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus in seinem Buch „Je dunkler die Nacht, desto heller die Sterne“ zusammen, das große Beachtung fand. 1969 erschien die bearbeitete Auflage unter verkürztem Titel „Je dunkler die Nacht...“, die in diesem Jahr vom Stuttgarter Schmetterling-Verlag neu veröffentlicht wurde. Für den schwäbischen Historiker Günter Randecker ist es jedoch unverständlich, dass man ungeachtet neuer Erkenntnisse eine 50 Jahre alte Version wieder auflegt. Eine, die die Sicht eines seiner Ansicht nach veränderten Friedrich Schlotterbeck wiedergibt: 1948 war er mit seiner späteren Frau Anna in die Sowjetische Besatzungszone übergesiedelt, nachdem ihm in Stuttgart zunehmend Schwierigkeiten aufgrund seiner kommunistischen Gesinnung gemacht wurden. In der DDR wiederum geriet er unter Spionageverdacht, war dem Vorwurf ausgesetzt, ein V-Mann der Gestapo gewesen zu sein. Sein Erinnerungsbuch ließ man deshalb kurzerhand einstampfen. 1953 wurden er und seine Frau zu einer Haftstrafe verurteilt, 1956 kamen sie wieder frei. Das Paar lebte dann in Groß Glienicke bei Potsdam, beide arbeiteten als Schriftsteller und wurden später rehabilitiert. Am 7. April 1979 starb Friedrich Schlotterbeck.

Randecker, der sich seit Jahren dem Thema widmet, hat jetzt im Eigenverlag die ursprüngliche Buchfassung von 1945, ergänzt um zahlreiche, bislang unveröffentlichte Briefe Friedrich Schlotterbecks zwischen 1933 und 1945 aus dem KZ, aus dem Exil und aus der Zeit der Heimkehr, herausgegeben. Diese hat er vor zehn Jahren in DDR-Archiven entdeckt. Es seien „erschütternde Dokumente“, in denen er zum Beispiel über schwerste Misshandlungen seiner Schwester, seines Bruders, seines Vaters und seiner Braut durch die Gestapo berichtet. „Sämtliche fiktive Namen der KZ-Häftlinge wurden nun mit den wirklichen Namen ergänzt. Somit sind wichtige Mosaiksteine für eine historisch-kritische Auseinandersetzung zusammengetragen worden“, betont Randecker. Die ist seiner Meinung nach notwendig. Eine Auf arbeitung des schier undurchdringlichen Geschehens, an dessen Ende ein Dutzend von der Gestapo-Leitstelle Stuttgart in die Wege geleiteter Exekutionen stand, sei bisher ausgeblieben. „Auch die jüngsten Aktivitäten können nicht darüber hinwegtäuschen: Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung gegen das Naziregime ist ein weißer Fleck im kollektiven Bewusstsein geblieben“, kritisiert Randecker. In der Dokumentensammlung des neuen Lern- und Gedenkorts „Hotel Silber“ sei über das Schicksal der Widerstandsgruppe Schlotterbeck bislang nichts zu erfahren. „Dafür aber viel über den Gestapo-Agenten Eugen Nesper“, der die Gruppe verraten haben soll. Es seien auch nicht alle Namen der vor 75 Jahren hingerichteten Mitglieder dieser Widerstandsgruppe im Stuttgarter Stadtbild präsent, moniert der Historiker. „Es gibt zwar eine Schlotterbeckstraße, eine Emil-Gärttner-Straße und eine Else Himmelheber-Staffel, auch Stolpersteine für Gertrud Lutz, Emmy und Theo Seitz, Sophie Klenk, Else Himmelheber und Emil Gärttner. Aber keine Erinnerung an Hermann Seitz und Erich Heinser oder an Karl Stäbler, der untertauchen konnte. Oder an Frida Schwille aus Pfullingen.“ Letztere sei zusammen mit den Mitstreitern Schlotterbecks am 30. November 1944 im KZ Dachau h ingerichtet worden.

Mit einem Vortragsabend erinnert das „Hotel Silber“ am Samstag, 30. November , um 19 Uhr an das Leben und Wirken Friedrich Schlotterbecks. Aram Hess, der Großneffe des Widerstandskämpfers, wird eine persönliche Rückschau halten und über den Menschen Friedrich Schlotterbeck sprechen. Elfriede Samo berichtet über sein Wirken in Stuttgart in den Jahren 1945 bis 1948. Darüber hinaus soll an diesem Abend am historischen Ort „Hotel Silber“ den Ermordeten der Widerstandsgruppe Schlotterbeck vor 75 Jahren gedacht werden. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Am Ehrengrab auf dem Untertürkheimer Friedhof findet am Sonntag, 1. Dezember, um 11 Uhr eine Gedenkfeier statt.

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