Blick auf das große Sportgelände des ESV Rot-Weiß Stuttgart, das man sich seit 2012 mit dem VfL Stuttgart teilt. Foto:  

Der Verein mit der modernen Anlage an der Benzstraße wurde dieses Jahr 100 Jahre alt. Feierlichkeiten fielen wegen Corona aus.

Bad Cannstatt - Seit 15 Jahren gehört Irmengard Rathfelder der Vorstandschaft des ESV Rot-Weiß Stuttgart an, führt diesen seit 2007 gar an. Im nächsten Jahr will sie ihr Amt beim Cannstatter Verein, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wurde, abgeben. Froh ist sie, dass „die Talfahrt in Bezug auf die Mitgliederzahlen gestoppt werden konnte“, sagt sie im Gespräch.

Frau Rathfelder, aufgrund der Corona-Krise fielen die Aktivitäten anlässlich des 100-jährigen Jubiläums aus. Auch sonst war Sport in diesem Jahr nur eingeschränkt möglich. Was waren die größten Herausforderungen beim ESV in diesem Sportjahr?

Im Nachhinein sind wir froh, die Jubiläumsveranstaltung nicht so groß geplant zu haben. Ein kleiner Festakt mit geladenen Gästen fiel ins Wasser und wird auch nicht nachgeholt. Insgesamt ist es natürlich schade, dass der ganze Sport lange flach lag, wobei unsere Mitglieder super mitgezogen haben, als im Sommer wieder eingeschränkt Sporttreiben möglich war. So haben beispielsweise die Boxer unter Einhaltung der Auflagen ihr Training ins Freie verlagert. Auf dem Basketballplatz konnte – ebenfalls eingeschränkt – gespielt werden. Unsere Mitgliederversammlung fiel aus, was nicht gravierend war, da keine Wahlen und wichtige Themen anstanden, die man hätte abstimmen müssen.

Allgemein blickt der ESV auf eine wechselhafte Geschichte zurück. In den 1970er-Jahren zählte der Verein 2100 Mitglieder, in der 1980er-Jahren noch 1500 und heute um die 500. Wie ist dieser Rückgang zu erklären?

In erster Linie ist der Rückgang bedingt durch die Privatisierung der Bahn. Von den über 2000 Mitgliedern war damals ein Großteil vom Betriebssport der Bahn. Das Ausbesserungswerk der Bahn ist ja gleich gegenüber und wir waren früher ja auch auf dem Bahngelände. Zudem wurden einzelne Abteilungen aufgelöst, beispielsweise hatten wir eine große Hockey-Sparte. Die Frauen spielten gar in der Bundesliga. Darüber hinaus führt unsere Altersstruktur dazu, dass einige Abteilungen immer kleiner werden und überaltert sind. Außerdem liegt unser Gelände etwas abseits und es fehlt allgemein an Übungsleitern, um die Jugend wieder heranzuziehen. Es kamen also viele Gründe für den Mitgliederschwund zusammen.

Wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass es im Corona-Jahr auch Zuwachs gab – im Tennis rund 20 Jugendliche, im Basketball um die 30 Neumitglieder.

Aufgrund der angesprochenen Privatisierung der Bahn war Rot-Weiß kein Betriebssportverein mehr. Die finanzielle Unterstützung blieb aus und die Mitglieder mussten sich sozusagen selbstständig – wie andere Vereine auch – um die Finanzen und die Instandhaltung der Anlage kümmern. War das ein Problem?

Das war zwar noch vor meiner Zeit, war aber sicherlich ein Pro­blem. Zum Beispiel haben Lehrlinge der Bahn beim Anbau der Gaststätte geholfen. Auch planerische Angelegenheiten wurden von Bahnbediensteten erledigt. Diese Dinge fielen alle weg, wir waren sozusagen plötzlich im normalen Markt angekommen. Ein Umdenken musste stattfinden, was sich nicht von heute auf morgen vollzogen hat.

Wie gesagt, aktuell gehören den neun Abteilungen 500 Mitglieder an. Ist diese Zahl konstant?

Auf diesem Niveau hat sie sich in den vergangenen Jahren eingependelt, ist zum Glück nicht weiter gefallen und wir hoffen, dass es auch wieder aufwärts geht.

Jahrelang war der ESV Rot-Weiß in Stuttgart ein Aushängeschild in Sachen Basketball – vor allem im Jugendbereich. Baden-württembergische Titel waren keine Seltenheit.

Basketball, Tennis und Boxen sind unsere drei großen Abteilungen. Die werden auch weiter Bestand haben. Vor allem beim Basketball herrscht ein Kommen und Gehen, das gilt auch fürs Boxen. Da halten sich Aus- und Eintritte in etwa die Waage. Beim Tennis hatten wir mehrere Jahre lang keine Jugendlichen mehr. Nun aber einen Trainer, der die Jugend fördern will und das zahlt sich bereits aus.

Noch mal zurück zum ehemaligen Aushängeschild, den Basketballern. Geht es in der Abteilung, speziell in der Jugend, wieder aufwärts?

Die Mädchen waren lange sehr erfolgreich und auch bei südwestdeutschen Meisterschaften vertreten, Spielerinnen auch im Landeskader. Der weibliche Bereich ist leider etwas am Boden. Wir versuchen derzeit, wieder etwas aufzubauen, haben eine U 12 und U 14. Im männlichen Bereich sieht es vielversprechender aus, sind wieder alle Altersklassen besetzt. in den jüngeren Jahrgängen steckt Qualität und Potenzial, sodass wir zuversichtlich nach vorne schauen. Natürlich müssen wir auch oben, also im aktiven Bereich, etwas bieten, um den Nachwuchs dauerhaft zu binden. Da sieht es aktuell etwas mau aus, es besteht die Kooperation mit Fellbach und die Hoffnung, die Landesliga in dieser Spielzeit halten zu können. Natürlich sind die Ambitionen andere.

Sie wollen nach 13 Jahren als Vorstand Ihr Amt im kommenden Jahr abgeben. Welche Herausforderungen sehen Sie auf Ihren Nachfolger oder Nachfolgerin zukommen?

(lacht) Erst mal sehe ich die Herausforderung, einen Nachfolger oder Nachfolgerin zu finden. Eine weitere wird sein, den Verein zu verjüngen. Insgesamt sind wir ein Verein mit einer hohen Altersstruktur, wobei die Entwicklung und Zeichen in den drei großen Abteilung auf Verjüngung stehen. Für mich ist die Größe des Vereins auch nicht ganz zukunftsfähig. Größere Vereine haben aus meiner Sicht eine größere Überlebenschance, vielleicht muss man irgendwann über eine Fusion nachdenken, um alles auf professionellere Beine zu stellen. Zumal es immer schwieriger wird, ehrenamtliche Helfer zu gewinnen.

Nun habt Ihr seit 2012 gemeinsam mit dem VfL Stuttgart eine moderne Anlage an der Benzstraße. Wie hat sich das auf den Verein ausgewirkt?

Von außen betrachtet ist die Anlage sehr modern. Das Vereinsheim an sich ist nach außen hin auch schön. Aber aktuell haben wir an dem Gebäude Bau- und Wasserschäden zu beklagen. Es ist nicht geklärt, wer die Kosten für die Sanierung übernimmt. Aber allgemein kann man mit der Anlage sehr gut leben, sie würde sich auch für einen Großverein anbieten, zumal wir auch noch die Tennishalle haben. Diese ist zwar von außen nicht schön, innen aber umso mehr und zudem auch noch gut ausgelastet.

Und wird auch zu Trainingszwecken von den Weltklasse-Spielerinnen des Porsche-Tennis-Grand-Prix-Turniers genutzt.

Ja, genau und das hoffentlich noch lange.

Blicken wir noch weiter in die Zukunft. In direkter Nähe zu Eurer Sportanlage entstehen im Neckarpark bis 2025 oder 2026 rund 900 Wohnungen. Hat man sich schon Gedanken gemacht, wie man dieses große Potenzial für sich gewinnen kann.

Da hoffe ich stark auf meinen Nachfolger oder Nachfolgerin. Wir brauchen schon irgendwelche Visionen. Bislang waren wir immer etwas abseits und sind aus dem Betriebssport hervorgegangen. Man sollte sich nun Gedanken machen, ob man vielleicht auch neue Sachen anbieten kann. Zum Beispiel auch Angebote für Kleinkinder, um diese von klein auf an den Verein zu binden. Vielleicht kann auch der Gesundheitsbereich ausgebaut werden. Die Chance, ein eigenes Quartier vor der Haustür zu haben, sollten wir auf jeden Fall nutzen.

Die Fragen stellte Torsten Streib.

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