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Handgerührter Trollinger vom Wangener Berg

WANGEN: Acht Wengerter halten Stuttgarts kleinste Erzeugergemeinschaft am Leben

  Werner Hohnecker übernimmt die Funktion des Keltermeisters. In der Wangener Kelter gärt der Traubenmost in großen Zubern auf der Maische. Sie muss gerührt werden, damit sich der Trauben-Zucker zu Alkohol umwandelt.Foto: Kuhn
 

Werner Hohnecker übernimmt die Funktion des Keltermeisters. In der Wangener Kelter gärt der Traubenmost in großen Zubern auf der Maische. Sie muss gerührt werden, damit sich der Trauben-Zucker zu Alkohol umwandelt. Foto: Kuhn

 

Wenn die Wochenmarkt-Stände auf dem Kelterplatz stehen und es aus der Kelter nach vergorenen Trauben duftet, wissen die Wangener, dass die Kelter für zwei bis drei Wochen ihre eigentliche Funktion innehat: Stuttgarts kleinste Weinerzeugergemeinschaft keltert den aktuellen Jahrgang. Reine Handarbeit ist bei den acht Wengertern angesagt: abbeeren, pressen und immer wieder rühren. Keltermeister Werner Hohnecker mischt die Maische, damit die Gärung „in Fahrt kommt“.

Von Mathias Kuhn

Nur wenige Wangener wissen, was momentan in den Mauern der altehrwürdigen Wangener Kelter vor sich geht: Tag und Nacht wird gearbeitet - vom Keltermeister und der Maische. Vor zwei Wochen fuhren Wangens Wengerter ihre diesjährige Ernte ein: blaue Trollinger-Trauben von den wenigen noch verbliebenen Hängen am Wangener Berg. „Acht Nebenerwerbs-Wengerterfamilien bilden einen lockeren Zusammenschluss. Wir sind damit Stuttgarts kleinste Erzeugergemeinschaft“, sagt Werner Hohnecker, der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins. In den Wochen während und nach der Lese ist er zudem offiziell der von der Stadt angestellte Keltermeister in Wangen. Rund zwei Hektar Fläche bearbeiten die Wengerter noch. In normalen Jahren erzeugen Wangens Wengerter damit zwischen 10 000 und 15 000 Liter Rotwein. „Doch dieses Jahr haben wir durch die Witterung einen Ertragsrückgang um etwa 30 Prozent“, bedauert Hohnecker. Die Trollinger-Fläschle des Jahrgangs 2010 werden dadurch eine noch größere Rarität werden, als sie in normalen Jahrgängen eh sind.Wer jedoch annimmt, dass die Arbeit durch die geringere Traubenmenge ebenfalls weniger wird, der täuscht sich. Seit Tagen stehen in der Wangener Kelter die teilweise bis fast an den Rand gefüllten Zuber mit Trollinger-Maische. Sie sind mit Planen abgedeckt. Das Gemisch aus zerquetschten Trauben, Traubenkernen, Schalen und dem Traubenmost ruht keineswegs. Es duftet nach vergorenem Obst und Alkohol. „Wenn man sich dann eine Weile in der Kelter aufhält, wird man fast beschwipst“, ist auch Wangener Bezirksvorsteherin Beate Dietrich, die selbst bei der Lese teilgenommen hat, entzückt. Doch dieses Jahr geht die Umwandlung des Trauben-Zuckers in Alkohol langsam vor sich. „Die kalte Witterung am Anfang der Woche hat den Vorgang natürlich gebremst“, sagt Hohnecker. Der Keltermeister muss dem Gärverfahren ein bisschen Schub geben. In regelmäßigen Abständen hebt er die Plane an, nimmt einen langen „Rührlöffel“ und wie ein Kanufahrer, der durchs Wasser „pflügt“, durchmischt Hohnecker die Maische, damit die Beerenhäute immer nass bleiben und diese die Farbstoffe abgeben können. In Wangen ist alles noch Handarbeit, wie in früheren Zeiten. „Ausgebaut wird der Wein dann im Fellbacher Familienbetrieb Kern, der dem Trollinger aber nach unserem Wunsch den letzten Schliff gibt, ihn filtert und in Flaschen füllt“, sagt Hohnecker.

Tradition und Landschaft pflegen

Die Vermarktung übernehmen die Wengerter selbst. Die raren Wangener Tröpfle können bei den Weinerzeugern selbst und beispielsweise im Getränke-Stadel Berner erworben werden. Zudem wird der Trollinger auf Wangener Ortsfesten sowie in ausgesuchten Gastronomie-Betrieben ausgeschenkt. Hohnecker ist sich bewusst, dass die acht wackeren Wengerter Wangens Weinbautradition am Leben halten und damit auch die ursprüngliche Kulturlandschaft am Wangener Berg pflegen. Denn, wo die Weinberge aufgegeben und aufgelassen werden, nimmt entweder Wildwuchs überhand oder die typischen Wengerter-häusle werden durch Gartenhaus-Baracken ersetzt, vor denen Grillfeste gefeiert werden.

 

Artikel vom 02.11.2010 © Eßlinger Zeitung

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