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Wer ist Oskar?

Armin Petras‘ Bühnen-„Blechtrommel“ geht im Text unter

Von Ulrich Fischer

Bochum - Die Uraufführung einer Szenenfassung der „Blechtrommel“ nach dem berühmten Roman von Günter Grass sollte zu einem Höhepunkt der diesjährigen Ruhrtriennale werden. Doch dieses Ziel verfehlten sowohl die Textfassung von Armin Petras als auch die Inszenierung von Jan Bosse.

Die Ruhrtriennale arbeitete für dieses Projekt mit dem Berliner Maxim Gorki Theater zusammen, dessen Intendant Petras ist. Über die Bühne ging die Szenen-„Blechtrommel“ in der guten Stube der Ruhr­triennale, der Bochumer Jahrhunderthalle. Das Uraufführungspublikum spendete zwar freundlichen Beifall, eine Spitzenleistung sah es aber nicht.

Die „Blechtrommel“ ist bereits verfilmt worden, nämlich 1979 von Volker Schlöndorff, und ging schon in Polen über die Bretter - 2007 in Danzig. Dort wurde Günter Grass geboren, dort spielt die „Blechtrommel“, die Bestandteil seiner „Danziger Trilogie“ ist. In Petras‘ Bühnenfassung und in Bosses Inszenierung wird Oskar Matzerath, Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans, nicht von einem, sondern von allen sieben Schauspielern verkörpert.

Orientierungsschwierigkeiten

Die Entscheidung erwies sich als wenig glücklich. Der Zuschauer bekam Schwierigkeiten, sich zu orientieren, denn jeder Schauspieler hatte wenigstens noch eine weitere Rolle zu spielen. Wer war wann Oskar, wer spielte wann einen seiner Verwandten oder Bekannten?

In der „Blechtrommel“ ist Oskar ein „Däumling“. Die groteske literarische Figur behauptet, schon bei ihrer Geburt außerordentlich hell- und klarsichtig gewesen zu sein. Oskar entschloss sich als Dreijähriger, aus Protest gegen den Opportunismus seiner Familie nicht weiterzuwachsen, und wirbelt stattdessen auf seiner Trommel kritische Kommentare zur verlogenen und heuchlerischen Kleinbürgerwelt, in der er aufwächst.

Wollte ihm jemand seine über alles geliebte Blechtrommel wegnehmen, schrie der Gnom mit einer Frequenz, die Glas zum Zerspringen brachte. Als der Roman 1959 erschien, polarisierte er die Literaturwelt und mehr noch die breite Öffentlichkeit. Grass hatte es gewagt, die Lebenslügen der Nachkriegszeit aufzudecken, die Verklemmtheiten und Verdrängungen der Spießerära nach dem Nazi-Verbrecherregime zu enthüllen. Die Adenauer-Ära, so das zwar explizit nicht ausgesprochene, gleichwohl offenkundige Fazit des literarischen Opus magnum, stehe in einer Kontinuität mit der Zeit des Nationalsozialismus.

Nur wenige triftige Szenen

Eine ähnliche Brisanz konnte Jan Bosse dem Stoff für die Gegenwart naturgemäß nicht abgewinnen - obwohl es zumindest das Thema Krieg nahegelegt hätte, schärfer gegenwärtige Konflikte zu thematisieren. Bosse gelangen überdies nur wenige triftige Szenen, allzu oft standen Schauspieler nur an der Rampe und sagten Text auf.

Das Ensemble spielte uneinheitlich und stöhnte unter den Textmassen. Selbst ein wackerer Mime wie Hans Löw, sonst stets bestens präpariert, zeigte Textunsicherheiten. Die Uraufführung wirkte mit heißer Nadel genäht, die Theatralisierung des gewichtigen Romans gelang nicht. Willy Decker, der Leiter der Ruhr­triennale, scheint in diesem Jahr wenig Fortune zu haben.

Weitere Aufführungen in Bochum: morgen sowie 12., 14. und 15. September. Danach wird die Inszenierung an das Maxim Gorki Theater in Berlin übernommen.www.ruhrtriennale.de

 

Artikel vom 10.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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