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INTERVIEW JASMIN TABATABAI, SCHAUSPIELERIN UND AUTORIN

„Es gibt einen ganz anderen Iran“

Die 43-jährige Künstlerin hat über das Land ihrer Kindheit ihr erstes Buch geschrieben - „Es ist eine wirkliche Tragödie, was mit diesem Land passiert ist“

  Jasmin Tabatabai will im Iran nicht nur die islamische Republik sehen.Foto: dpa
 

Jasmin Tabatabai will im Iran nicht nur die islamische Republik sehen. Foto: dpa

 

Berlin - Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai, bekannt aus Filmen wie „Bandits“ und „Fremde Haut“, hat gerade ihr erstes Buch geschrieben. Es heißt „Rosenjahre“ und handelt von ihrer Kindheit im Iran. Sie schildert, wie ihre Mutter ihren Vater in den 50er-Jahren auf dem Münchner Oktoberfest kennenlernt, wie sie später Deutschland verlässt und im Iran ihren Vater heiratet. Der Titel des Buches ist eine Anspielung auf den Namen der Mutter, Rosemarie, und steht für eine schöne Zeit im Iran - vor der islamischen Revolution. Jasmin Tabatabai war zuletzt 1986 zur Beerdigung ihres Vaters im Iran. Ihre Mutter reist noch immer regelmäßig dorthin. Die Tochter hält es für besser, nach kritischen Äußerungen gegen das Mullah-Regime das Land zu meiden. Maryam Schumacher sprach mit der 43-jährigen Schauspielerin.

Wollen Sie mit Ihrem Buch das auf die islamische Republik beschränkte Bild vom Iran korrigieren?

Tabatabai: Mir fällt auf, dass sich heute kaum mehr jemand erinnert, dass es einen Iran vor dieser islamischen Republik gegeben hat. Das Bild, das wir vom Iran haben, ist so wahnsinnig negativ, geprägt durch die Nachrichten. Man denkt automatisch an verschleierte, unterdrückte Frauen und Ahmadinedschad. Die Leute denken nur noch an den Iran als islamische Republik. Wenn ich aber an den Iran denke, habe ich ein ganz anderes Bild von diesem Land.

Welches denn?

Tabatabai: Im Westen ist das Image vom Iran seit der Geiselnahme von 1980 und dem Buch „Nicht ohne meine Tochter“ von Betty Mahmoody negativ geprägt. Ich bin immer dabei zu erklären: Das Staatliche ist nicht gleich das Kulturelle und das Menschliche. Es gibt einen ganz anderen Iran.

Kann man denn überhaupt über den Iran reden, ohne das Politische zu erwähnen?

Tabatabai: Nein. Aber es gibt eben noch eine andere Seite. Es gibt eine menschliche Seite. In dem Moment, wo Du die Zeitgeschichte im Kontext einer Familie erzählst und im Kontext dessen, was ihr passiert, wird es automatisch politisch. Man kann gar nicht über den Iran reden und nicht politisch sein.

Haben Sie, wenn Sie an den Iran denken, auch heute noch Sehnsucht?

Tabatabai: Ich habe Heimweh, ganz extremes. Es geht auch nicht weg. Es ist immer eine Sehnsucht und eine ganz große Trauer darüber, dass man dieses Land der Kindheit verloren hat, das es so nicht mehr gibt, und dass man auch nicht so ohne weiteres dahin kann. Es ist eine wirkliche Tragödie, was mit diesem Land passiert ist.

Würde Sie sagen, der Iran ist Ihr Zuhause?

Tabatabai: Es ist das Land meiner Kindheit. Ich bin da geboren und aufgewachsen. Ich bin jetzt seit 31 Jahren in Deutschland, und ich bin halb Deutsche, ich bin zweisprachig aufgewachsen. Ich weiß nicht, ob ich wieder im Iran leben könnte - und wenn, dann nicht unter diesem Regime.

Im Buch kommt das Thema Heimweh aber kaum vor, umgekehrt verlässt Ihre Mutter ihr deutsches Zuhause und geht in ein fremdes Land.

Tabatabai: Meine Mutter hat sich alles in allem sehr wohl gefühlt im Iran. Sie hat sich aber nie so richtig assimiliert, dass sie die deutschen Traditionen aufgab. Sie hat das alles an uns weitergegeben. Das zeigt sich daran, dass sie ständig Spazierengehen und in die freie Natur wollte.

Ist das Ihrer Meinung nach etwas typisch Deutsches, das Spazierengehen?

Tabatabai: Das Lustwandeln? Ja.

Was bedeutet es denn für Sie, zwischen zwei Ländern zu sein?

Tabatabai: Es ist nicht gemeint im Sinne von Zerrissensein. Man hat halt diese beiden Pole, diese beiden Identitäten, immer schon im Leben. Beide Seiten können eine Bereicherung für einen sind. Es war für mich zum Beispiel schwieriger, als ich wieder in Deutschland war, weil ich Angst davor hatte, dass meine persische Seite schwindet.

Sie sprechen an einer Stelle ihres Buches vom „Clash of Cultures“. Worin besteht der?

Tabatabai: Es gibt einfach, glaube ich, mit jeder Mischehe, mit jeder Zusammenkunft von Kulturen diesen Punkt, wo man denkt: Okay, das ist jetzt echt nicht meins, das ist jetzt einfach anders. Also, ich akzeptiere es. Aber man merkt, es ist eine andere Kultur.

Zum Beispiel?

Tabatabai: In iranischen Familien habe ich oft das Gefühl, es gibt nicht dieses Bedürfnis, allein sein zu wollen. Meine Mutter wollte aber oft ihre Ruhe haben und eben alleine Spazierengehen. Und dann hat die Familie meines Vaters gedacht: Warum macht sie das, ist sie sauer auf uns?

Der richtige Krach bleibt aber aus. Dabei gibt es im Buch ein paar Stellen, wo man als Leser denkt, hier müsste es einen Konflikt geben: Einmal, als es um Scheidungen geht, weil nach islamischem Recht die Frauen ihre Kinder bis zu einem gewissen Alter an ihre Ex-Männer verlieren, oder die Stelle, wo ein Mädchen vergewaltigt wird und ihren Peiniger aus Gründen der Ehre heiraten muss. Hier treffen doch völlig verschiedene Wertvorstellungen aufeinander.

Tabatabai: Natürlich haben sich meine Eltern auch mal gestritten, wie jedes andere Ehepaar auch. Aber warum sollte ich über irgendeinen Ehestreit zwischen meinen Eltern schreiben, wenn mich ihre Geschichte viel mehr interessiert hat?

Gab es Ärger mit Familienmitgliedern, als sie von Ihrem Buch hörten, oder andere Beschwerden?

Tabatabai: Bis jetzt noch nicht, aber das kann ja noch kommen.

Jasmin Tabatabai: Rosenjahre - Meine Familie zwischen Persien und Deutschland. Ullstein Buchverlage, Berlin, 288 Seiten, 19,95 Euro.

 

Artikel vom 10.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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