Handtasche mit Waffe
Mythos, Männerfantasie und Wahrheit: Eine Ausstellung in Speyer befasst sich mit den kriegerischen Amazonen
Speyer - Reine Männerfantasie oder historische Tatsache? Das Historische Museum der Pfalz in Speyer setzt sich mit dem Mythos der Amazonen auseinander. Und zeigt dabei: Der Kampf war früher nicht nur Männersache.
Sexy, aber gefährlich. Auf diesen Nenner lässt sich das Bild bringen, das sich die alten Griechen von den Amazonen machten. Lange hielt sich der Mythos eines besonders kriegerischen Frauenvolkes, er inspirierte bis in die Neuzeit Künstler. Die neue Sonderausstellung in Speyer geht diesem Mythos nach und beweist: Auch wenn es kein Amazonenvolk gab, so betrieben doch schon vor Jahrtausenden Frauen ein blutiges Handwerk, das später und noch bis heute als reine Männersache galt und gilt - den kriegerischen Kampf. Die Exponate, darunter viele Grabfunde, hat das Museum aus ganz Europa zusammengetragen - von London bis Tiflis.
Das Bild, das antike Autoren wie Herodot oder bildende Künstler des Altertums von den Amazonen zeichneten, klingt wie eine lüstern-gefährliche und sehr männliche Lust- und Angst-Vorstellung: Schön und recht freizügig waren die martialisch bewaffneten Damen, auf Vasen und Amphoren wurden sie oft mit entblößter Brust dargestellt. Sie lebten unter sich, und nur ganz selten waren auch mal Männer bei ihnen geduldet, nämlich zur Fortpflanzung.
Symbolträchtige Legende
Zunächst ist das eine bloße Legende. „Ein Amazonenvolk hat es nicht gegeben“, sagt Museumsdirektor Alexander Koch. „Der Mensch braucht Mythen - zur Orientierung, zum Leben. Aber auch Mythen, an denen er sich reiben kann.“ Den alten Griechen dienten die Amazonen als Bestätigung ihres Gesellschaftsmodells, sagt Ausstellungskoordinator Lars Börner. Es war der Gegenentwurf zu ihrem patriarchalischen System. Die Logik dahinter zielt auf eine eher symbolische Herausforderung: Wenn die Amazonen als Frauenbund im Kampf besiegt wurden, erwies sich das von Männern dominierte System ist das überlegene.
Gleichwohl faszinierte das Thema auch lange nach der Antike immer wieder bildende oder schreibende Künstler, etwa Heinrich von Kleist in seinem blutrünstig-kannibalischen Drama „Penthesilea“. In der Ausstellung sind zum Beispiel das Gemälde „Amazonenschlacht“ von Anselm Feuerbach, die Bronzeskulptur einer reitenden Amazone von Franz von Stuck und Werke anderer Künstler zu sehen.
Die Schau geht vor allem auch der Frage nach, wo und wann es tatsächlich Kriegerinnen gab, die als Vorbild des Amazonen-Mythos in Frage kämen. Prunkstück ist ein Grabfund aus Georgien, der 3000 Jahre alt sein soll. In dem Grab fanden sich als Beigaben unter anderem ein Bronzeschwert und eine Lanzenspitze. Bestattet war dort eine Frau. Eine Verletzung ihres Schädels legt die Vermutung nahe, dass sie in einem Kampf schwer verwundet wurde. Die antike Georgierin ist nach Angaben des Museums zwar die älteste bekannte Kriegerin überhaupt, aber allein in der Ukraine sind rund 200 Gräber von Kriegerinnen entdeckt worden, sagt Börner. In ihnen finden sich typisch weibliche Grabbeigaben wie Schmuck oder Schminkutensilien, aber eben auch Waffen. „Handtasche mit Waffe drin“, nennt Börner das scherzhaft.
Die Verantwortlichen des Museums glauben, dass man Grabfunde künftig kritischer bewerten muss. Bisher war die Regel: Findet man Waffen in einem Grab, dann war der Bestattete ein Mann. Findet man Schmuck und Schminkutensilien, handelt es sich um eine Frau. Künftig müsse man sich die menschlichen Überreste mit den modernen technischen Möglichkeiten wie etwa der DNA-Analyse genauer vornehmen. „In den nächsten Jahren werden zahlreiche ,Amazonengräber‘ entdeckt werden“, ist sich Koch sicher. Oder, wie es in der Ausstellung zu diesem Thema heißt: „Die Suche nach den Amazonen hat erst begonnen.“



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