Oper ohne Kompromisse
Der ehemalige Stuttgarter Intendant Klaus Zehelein wird morgen 70 Jahre alt und engagiert sich weiter für ein fortschrittliches Musiktheater
München - Vielleicht kommt sich Klaus Zehelein hin und wieder vor wie ein einsamer Rufer. Früher als Intendant der Stuttgarter Oper, derzeit als Präsident der Bayerischen Theaterakademie, seit sieben Jahren als Präsident des Deutschen Bühnenvereins: Mit Temperament erhebt sich Zeheleins tabakgegerbte Stimme stets am lautesten, wenn Sparzwänge Bühnen bedrohen oder die Quote die Inhalte zu verdrängen droht. Zehelein, der morgen 70 Jahre alt wird, hat sich Autorität verschafft als einer der erfolgreichsten und innovativsten deutschen Musiktheater-Intendanten. Den Erfolg seiner Karriere führt er aber auch auf Teamgeist und Prinzipien zurück.
Wechsel an Ausbildungsstätte
Für Zehelein, in Frankfurt geboren, hat sich ein Kreis geschlossen mit dem Wechsel nach München an die Theaterakademie. Wie ein Mantra wiederholt er stets den Wert von Perfektion, Ensemblearbeit und generalstabsmäßiger Vorbereitung - selbst für vermeintliche Dauerbrenner von Mozart oder Verdi. Große Namen spielen für ihn nur bedingt eine Rolle: „Wir müssen Netrebko nicht engagieren, wir müssen eine solche Sängerin selbst ausbilden“, sagt er. Deshalb ist er in München. Der einst als „Dramaturgen-Superhirn“ gepriesene Theatermann hat es sich zum Ziel gesetzt, das Prinzregententheater, in dem die Akademie ihren Sitz hat, zur führenden Ausbildungsstätte für Theaterberufe zu machen.
„Oper ist nicht beliebig“
„Die Oper ist nicht beliebig“, betont er. „Menschen und Produktionen sind nicht austauschbar. Auch wenn wir das 50. Mal ,Rigoletto‘ spielen, muss es eine Sensation sein.“ Für den stets in schwarz gekleideten Akademiechef ist die Oper kein Mittel zur Abendunterhaltung, sondern steht im Zentrum gesellschaftlicher Diskurse und kultureller Erinnerung, ohne welche die Gegenwart nicht bestehen könne.
Dieses Konzept hat er schon von 1977 bis 1987 als Chefdramaturg und Co-Direktor in der als legendär geltenden Ära mit dem Dirigenten Michael Gielen am Frankfurter Opernhaus verfolgt. Von 1991 bis 2006 folgte die „Epoche Zehelein“ in Stuttgart, die das dortige Opernhaus bei Kritikern zur heiligen Halle werden ließ: Ein halbes Dutzend Mal wurde das Haus zum besten des Landes gekürt, immer wieder machten Inszenierungen, Regisseure und vor allem der Chor der Oper das Rennen in Kritikerumfragen. Zeheleins Stuttgarter Rezept: unbändiger Arbeitseifer und viel Nikotin für sich selbst, Regie-Größen von Hans Neuenfels bis Peter Konwitschny fürs aufgeschlossene Publikum, einige Entdeckungen namentlich von Sängerinnen (etwa Catherine Naglestad) für den melomanischen Gehörgang. Dazu das „Stuttgarter Modell“, also die gleichberechtigte Zusammenarbeit der Sparten Oper, Schauspiel und Ballett sowie der Verwaltung ohne einen übergeordneten Generalintendanten.
Dass es nach Zehelein und seiner Erfolgsära ein Opernintendant in Stuttgarter schwer haben sollte, zeigen die Erfahrungen seines Nachfolgers Albrecht Puhlmann, dessen bis 2011 laufender Vertrag nicht verlängert wird. Auch Zeheleins ambitionierte Experimentierbühne Forum Neues Musiktheater musste der neue Intendant unter finanziellem Druck preisgeben. Puhlmanns Nachfolger wird der Schweizer Jossi Wieler, einer der prägenden Regisseure der Zehelein-Jahre.
Nach wie vor wohnt er in Stuttgart
„Es war ein schwarzes Loch, und alles begann von vorn“, sagt Zehelein heute über die Zeit, als er in Stuttgart seine praktische Bühnenarbeit beendete und nach München wechselte. „Aber ich wollte in meinem Leben einfach noch einmal etwas anderes machen.“ Koffer mag er gepackt haben, Kartons wohl kaum: Nach wie vor wohnt er mit seiner Frau in Stuttgart.



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