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Immer mehr Zocker wandern in die Cyber-Welt ab - Noch wehrt sich Deutschland gegen die Freigabe

  Kasino konventionell: James Bond (Daniel Craig, links) riskiert beim Pokerspiel im Casino Royale hohe Einsätze. Die Szene stammt aus dem gleichnamigen Bond-Streifen von 2006.Foto: Archiv/dpa
 

Kasino konventionell: James Bond (Daniel Craig, links) riskiert beim Pokerspiel im Casino Royale hohe Einsätze. Die Szene stammt aus dem gleichnamigen Bond-Streifen von 2006. Foto: Archiv/dpa

 

Von Ingo Weiß

Ingenting går - Rien ne va plus. Nichts geht mehr in Norwegen. Norwegische Banken sind seit Juni verpflichtet, Zahlungen ihrer Kunden an ausländische Glücksspielanbieter zu blocken. Das Kalkül der Politiker: Ohne Mastercard, Visa und Co. kein Online-Glücksspiel.Das Problem brennt in Norwegen - und nicht nur dort - unter den Fingernägeln. Ob Pokern oder Roulette, viele Menschen haben buchstäblich Haus und Hof verspielt. Und mit dem Internet wächst die Gefahr noch. Um die eigenen Landsleute besser zu schützen, hat die Regierung von Ministerpräsident Jens Stoltenberg ein Gesetz verabschiedet, das den ausländischen Online-Spieleanbietern den Garaus machen soll.

Doch die Wikinger-Nachfahren sind nicht auf den Kopf gefallen und sie reisen gern. Nun mehren sich die Klagen über norwegische Urlauber im Ausland. Das Hotel in Las Vegas etwa, das auch ein Casino betreibt, kann die Rechnung ebenso wenig abbuchen wie der schwedische Zeitungskiosk, der neben Urlaubslektüre auch Lotto und Pferdewetten anbietet. Im eigenen Land dürfen die Norweger freilich weiter dem Online-Glücksspiel frönen - aber nur beim staatlichen Anbieter Norske Tipping Rikstoto. Es sind halt zweierlei Paar Schuhe, ob der Norweger sein Geld im Ausland verspielt oder ganz offiziell im Inland, wenn der Staat daran mitverdient.

Komplizierte Rechtslage

In Deutschland hat man diese pragmatische Sicht der Dinge noch nicht verinnerlicht. Bis heute ist Pokern & Co. mit echtem Geld in Deutschland verboten - außer in staatlichen Kasinos. Preisgelder sind in Turnieren zwar erlaubt, nicht aber Einsatz in bar. 2002 wurde in Hamburg zwar das erste Online-Casino eröffnet. Das Hamburgische Verfassungsgericht verbot es jedoch 2003 schon wieder: Online-Roulette sei rechtswidrig und nicht mit dem Spielbanken-Gesetz vereinbar. Online-Spieler seien naturgemäß nicht in Spielbanken und könnten so auch nicht von dem Personal vor einem ruinösen Spiel bewahrt werden, begründete der Gerichtspräsident Wilhelm Rapp. Gegen das Glücksspiel per Internet hatten Bürgerschaftsabgeordnete von SPD und GAL geklagt.

Doch die rechtliche Lage in Bezug auf Online-Glücksspiele ist hierzulande längst nicht mehr so eindeutig, sondern im Gegenteil eher kompliziert. So hat beispielsweise das Landgericht Stade entschieden, dass die Anwendung des Strafrechts ausgeschlossen werden kann: „Die Ungewissheit, ob man sich strafbar macht oder nicht, darf nicht dem Bürger aufgebürdet werden“, heißt es in der Begründung. Ungewissheit deshalb, weil die rechtliche Situa­tion durch die Mischung aus föderalen, bundesweiten und europäischen Gesetzen vorsichtig gesagt undurchsichtig ist.

Wachsender Markt

In Europa öffnen sich nämlich immer mehr Märkte. Innerhalb der EU gelten Frankreich und Großbritannien als Vorreiter für die Liberalisierung. Norbert Teufelberger, Vorstand des österreichischen Anbieters von Sportwetten und Online-Spielen Bwin, rechnet damit, dass Dänemark im kommenden Jahr seinen Markt öffnen werde, und Spa­nien denke bereits ebenfalls über eine Freigabe nach.

Die Lockerungsgründe sind stets dieselben: Die klammen Staaten erliegen der Verlockung, dass sich hier eine neue, sprudelnde Einnahmequelle auftun könnte. Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viel Geld weltweit jährlich im Gambling- oder Online-Poker-Bereich umgesetzt wird. Die beiden größten Pokeranbieter, Pokerstars.com und Full Tilt Poker (FTP), sind beide in privater Hand und veröffentlichen keine Zahlen. Schätzungen von Fachleuten gehen davon aus, dass der Umsatz 2010 in den Online-Kasinos allein im Poker rund 3,7 Mrd. US-Dollar betragen wird. Wahrlich kein schlechtes Geschäft. Da müsste sich doch locker mitverdienen lassen, raunen Bundestagsabgeordnete hinter vorgehaltener Hand. Teufelberger wird konkreter: „Sogar Deutschland, das sich bisher vehement gegen eine adäquate und moderne Regulierung von Online-Gaming gestellt hat, kommt ins Grübeln.“

„Poker is coming home“

„Großartig: Poker is coming home“, jubelt Thomas Dellenbusch, einst Inhaber der Pokerschule „Rhinepoker“ in Hilden, wenn auch etwas voreilig. Poker ist ein urdeutsches Spiel. Es basiert auf dem deutschen „Pochen“ (französisch: Poque), das bereits 1441 in Straßburg erwähnt wurde und das Auswanderer nach Amerika brachten. Die Kugel rollt, dank der europäischen Nachbarn, nun also auch in der deutschen Roulettemaschine, dem so genannten Zylinder. Bundeskanzlerin Merkel & Co. müssen nun ihr Spiel machen und sich entscheiden, auf was sie setzen: Auf Rouge oder auf Noir? Auf Legalisierung des Online-Glücksspiels oder auf eine weitere Bevormundung der Bürger.

Die Bürger stimmen derweil mit den Karten ab. Was alleine in der Pokerszene passiert, gleicht einer Revolution. In den virtuellen Pokerräumen zocken mehrere Zehntausend Spieler gleichzeitig - in Deutschland etwa 70 000. Genaue Zahlen gibt es auch hier nicht. Die ausländischen Online-Casinos machen ein riesiges Geschäft, da sie einen Teil der Einsätze als Kommis­sion für sich behalten. Als Party-Gaming in London an die Börse ging, war das Unternehmen umgehend mehr wert als die Fluggesellschaft British Airways. Und ein Ende des Poker-Fiebers im Internet ist nicht abzusehen. Studien schätzen, dass die Einsätze auf über 100 Milliarden Euro steigen werden.

Hierzulande begann der Fernsehsender DSF, der sich dieses Jahr in Sport 1 umbenannt hat, 2005 mit der Übertragung von Pokerturnieren der World Series of Poker (WSOP). Eigentlich ist ein Kartenspiel im Fernsehen etwa so aufregend wie Kaminfeuer im Sonnenschein. Doch die Erfindung der Tischkamera im Jahr 2003 machte es möglich, dass die Zuschauer den Zockern ins Blatt schauen konnten. TV-Poker wurde so zum Volkssport. Nach Schätzungen der German Poker Player Association (GPPA) gibt es in Deutschland inzwischen mehr als fünf Millionen Pokerspieler. Seit 2006 existieren eine Pokerbundesliga und eine Pokernationalmannschaft. Neben den staatlichen Spielbanken gibt es mehr als 100 Veranstalter privater Pokerturniere.

Hohe Gewinne locken

Der durchschnittliche deutsche Pokerspieler ist männlich und zwischen 26 und 35 Jahren alt. Ihn locken hohe Gewinne: Schon mit kleinen Einsätzen lässt sich beim Poker viel verdienen. Viele sind so fasziniert, dass sie sogar ihre Jobs aufgeben, um Profi zu werden. Poker als Hoffnung, schon mit Mitte, Ende 30 ausgesorgt zu haben. Viele dieser Spieler haben die Story von Chris Bryan Moneymaker im Kopf. Der Mann heißt wirklich so und stammt aus Atlanta, USA. 2003 zahlte der heute 34-jährige Moneymaker 39 Dollar für seine Teilnahme an einem Online-Qualifikationsturnier, schaffte den Sprung ins Turnier der WSOP, setzte sich sensationell gegen die Weltelite durch und sackte 2,5 Millionen Dollar Preisgeld ein.

Vom Buchhalter in Tennessee zum Millionär - so was geht halt (fast) nur in den USA. Doch just dort, in der Heimat des Spielerparadieses Las Vegas, betrachtet das US-Justizministerium Online-Glücksspiele als illegal. Allerdings ist auch in den Staaten das Verbot für Online-Casinos am Kippen. Dieser Tage passierte der „Internet Gambling Regula­tion and Consumer Protection and Enforcement Act“ den Finanzausschuss des Repräsentantenhauses in Washington. Wird die sogenannte Bill H.R. 2267 endgültig verabschiedet, setzt sie ein Gesetz von 2006 außer Kraft, das unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush Online-Spiele um Geld in den USA fast ausnahmslos verboten hatte. Nach dem neuen Gesetz wäre es unter bestimmten Auflagen wieder erlaubt. Ein Riesengeschäft: Das US-Finanzministerium rechnet in einer Analyse mit Steuereinnahmen für den Staat von zusammen rund 42 Milliarden Dollar in den kommenden zehn Jahren. Auf so viel Geld wird wohl selbst Präsident Barack Obama nicht verzichten wollen.

Die Internet-Anbieter Party-Gaming aus Großbritannien (Besitzer von Party Poker) und Bwin haben sich schon mal in Stellung gebracht, um ein großes Stück vom Kuchen abzubekommen. Sie fusionieren zum weltgrößten Online-Wett- und Poker-Anbieter mit einem Wert von rund 3,3 Milliarden Dollar. Der Zusammenschluss soll bis Frühling 2011 vollzogen sein. In den USA erzielt Party-Gaming 87 Prozent des Umsatzes. Im Bereich Online Poker entsteht durch den Zusammenschluss die Nummer drei (hinter Stars und Full Tilt). Zudem sind beide Anbieter auch in den Bereichen Sportwetten, Casino und Slots/Bingo tätig. „Mit diesem Zusammenschluss setzen wir uns deutlich von unseren Mitbewerbern ab“, glaubt Party-Gaming-Chef Jim Ryan.

2000 Online-Gamblingseiten

Die Bündelung der Kräfte macht Sinn und ist auch dringend nötig. Die Konkurrenz schläft nicht. Über 2000 Online-Gamblingseiten weltweit buhlen laut Casinocity.com bereits um das Geld der Cyber-Zocker, und mit zunehmender Liberalisierung drängen staatliche Lotterie-Gesellschaften in den lukrativen Markt. In den USA stehen außerdem die Casinoriesen aus Las Vegas bereit, um das Land mit virtuellen Spielhöllen zu überziehen. Denn was des einen Freud‘ ist, ist des anderen Leid. Die realen Casinos bekommen den Online-Aufschwung negativ zu spüren. Im Zuge der Rezession nicht nur in der US-Wirtschaft war die Casino-Branche in eine schwere Schieflage geraten. 2009 musste Station Casinos in Nevada Insolvenz anmelden, dann stand das Tropicana in Las Vegas unter Gläubigerschutz. Und selbst der Kasinobetreiber MGM Mirage des Milliardärs Kirk Kerkorian häufte Millionenverluste an. Das Problem: Immer mehr US-Amerikaner halten sich beim Zocken zurück, weil sie die schwere Wirtschaftskrise im eigenen Geldbeutel zu spüren bekommen - oder wandern in die virtuelle Welt ab.

Staatsvertrag zum Glücksspielwesen

Seit Inkrafttreten des sogenannten Staatsvertrages zum Glücksspielwesen (GlüStV) am 1. Januar 2008 lassen auch immer mehr deutsche Zocker die staatlichen Kasinos links liegen und gambeln vermehrt in Automatenhallen, Wettbüros und im Internet. Der GlüStV hat eine Laufzeit von vier Jahren bis Ende 2011. In § 4 Sektion 4 heißt es kurz und bündig: „Online-Glücksspiel ist generell verboten.“ Laut einer Berechnung des Magazins European Gaming Lawyer entgehen dem Fiskus im Zeitraum 2009 bis 2011 zwischen 3,6 und 4,6 Milliarden Euro an Steuereinnahmen. Der Berliner Tagesspiegel prognostiziert: „Das staatlich kontrollierte Glücksspiel rutscht 2010 erstmals in die roten Zahlen.”

Ziel des Glücksspielstaatsvertrages war unter anderem Jugend- und Spielerschutz. Das staatliche Monopol wird durch die Suchtprävention begründet. Es mehren sich jedoch die Expertenmeinungen, dass die Suchtprävention nicht erfüllt wird. Und insbesondere das Automatenglücksspiel, welches aufgrund von Daten der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim nachweislich mit großem Abstand die höchste Suchtgefahr besitzt, ist nicht anständig geregelt. Die 220 000 hierzulande aufgestellten Automaten werden juristisch nämlich nicht als Glücksspiel betrachtet. Poker dagegen schon, wiewohl viele Experten mittlerweile glauben, es sei eher ein Geschicklichkeitsspiel - wie Skat, Schafskopf oder Doppelkopf.

Gericht: Pokern kein Glücksspiel

Die Einordnung von Poker als Glücksspiel geht auf eine Reichsgerichtsentscheidung aus dem Jahr 1906 zurück. Damals tummelten sich in Deutschland noch Könige in der Politik und nicht nur auf Spielkarten. Damals wurde allerdings das sogenannte Draw Poker begutachtet, das vielfach aus den so genannten Spaghetti-Western bekannt ist und bei dem der Glücksfaktor erheblich höher liegt, weil man nur seine eigene Karten kennt. Mit den heute üblichen Varianten Texas Hold’Em, Omaha und Stud Poker hat Draw Poker nicht viel gemein.

Nach einem 2008 groß angelegten Feldversuch unter Aufsicht der TÜV Rheinland Secure IT GmbH bestätigte das Landgericht Karlsruhe im Sommer 2009: Pokern ist doch kein Glücksspiel. Wissenschaftliche Studien im Ausland kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass beispielsweise Texas Hold’Em Poker „ein Geschicklichkeitsspiel“ ist. Und sogar ein 1700 Seiten dicker EU-Report mit dem Titel „Study of Gambling Services in the Internal Market of the European Union” (Final Report 14. June 2006) kommt zum selben Ergebnis. Das Problem: Der Report wurde „nur“ für die Europäische Kommission gefertigt, er repräsentiere nicht die offizielle Meinung.

Offiziell oder inoffiziell, Tatsache ist: Bei Glücksspielen wie Roulette oder Black Jack spielt man immer gegen die „Bank“ oder das „Casino“. Diese sichern sich einen rechnerischen Vorteil von bis zu fünf Prozent, deshalb verliert jeder Spieler am Tisch langfristig Geld. Beim Pokern spielt man gegen andere Personen, die „Bank“ - der sogenannte Pokerraum nimmt sich lediglich eine Gebühr. Wer also geschickter blufft als seine Mitspieler, kann Gewinn machen. Zudem, behaupten Insider, kann man heute ohne gute Kenntnisse von mathematischen Wahrscheinlichkeiten und der Fähigkeit zur Analyse von Spielzügen nicht mehr reüssieren. Mit Glück habe das nichts zu tun.

Estland und Italien außen vor

Die Online-Schlinge zieht sich also immer enger um Deutschland. Kürzlich legalisierte auch Estland das Online Poker. Das Land möchte ebenfalls seine Steuereinnahmen erhöhen. Für 2010 hat eine Firma namens „Olympic Casino Group“ das Monopol erhalten. Ab 2011 sollen auch ausländische Anbieter auf den Markt kommen dürfen. Estland wählte offenbar das gleiche Modell wie Italien. Italiener dürfen nur auf italienischen Pokerseiten spielen. Während in allen anderen Ländern online Pokerspieler gegen Spieler aus der ganzen Welt spielen, sind Italien und neuerdings auch Estland von der übrigen Welt abgeschottet. Wenn Pokerräume allerdings nur noch national im Geschäft sein können, dann wird das Spieleraufkommen pro Pokerraum viel geringer werden - und damit die erhofften Steuernahmen geringer ausfallen: Frau Merkel: Faites vos jeux!

 

Artikel vom 04.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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