Respekt geht flöten
Vor zwei Wochen besuchten zwei Stuttgart-21-Gegner, ein Ehepaar mittleren Alters aus Weilimdorf, unsere Redaktion. Zunächst war es ein vernünftiges, sachliches Gespräch über Für und Wider des Milliardenprojekts. Als das Ehepaar jedoch auf das Thema Sitz- und Straßenblockaden mit dem Hinweis angesprochen wurde, dass es sich dadurch strafbar machen würde, verließ es etwas bockig die Redaktion mit dem Satz: „Wir sind Bürger dieser Stadt und für einen friedlichen Protest.“ Friedlich sieht jedoch anders aus als verschlossene Rathaustüren, Sperrgitter bei der Weindorferöffnung samt Polizeischutz für OB Wolfgang Schuster und Hundertschaften von Polizisten rund um den Hauptbahnhof. Was zudem im Internet an obskuren Botschaften kursiert, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Sogar vor anonymen Morddrohungen gegen Schuster und Projektsprecher Wolfgang Drexler wird nicht zurückgeschreckt. An dieser Stelle soll betont werden, dass die meisten Projektgegner - besonders die der ersten Stunden - sich natürlich von solchen Entgleisungen distanzieren. Doch ihre zunächst friedlichen Protestaktionen entgleisen mittlerweile nicht mehr nur im Internet. Denn seit Tagen befindet sich Stuttgart im Ausnahmezustand. Der Protest gegen S 21 und den Abriss der beiden Seitenflügel des denkmalgeschützen Hauptbahnhofs zieht einen Graben durch die Landeshauptstadt, der tiefer ist als der geplante Kopfbahnhof. Ein Thema, das die Bevölkerung spaltet und polarisiert wie nie zuvor. Das Prekäre: Der Aggressionspegel scheint in den vergangenen Tagen gefährlich angestiegen zu sein - und im gleichen Atemzug auch die Bereitschaft zu laut Polizei illegalen Aktionen. War es am Anfang nur ein durchgesägter Bauzaun, so wurden in der Folge das Bahnhofsdach besetzt, ein-und ausfahrende Züge blockiert und der Verkehr in der ganzen Innenstadt lahm gelegt. Und das nicht nur einmal. Die Polizeiverantwortlichen, die sich bisher eher zurückhaltend verhalten hatte, werden ihre Einsatzstrategien ändern. Stuttgarts Polizei-Chef Siegfried Stumpf jedenfalls hat angekündigt, künftig härter gegen die Aktivisten durchzugreifen, die sich auf illegalem Terrain bewegen. Zu Recht, denn mit zivilem Ungehorsam und Recht auf freie Meinungsäußerung haben insbesondere die Straßenblockaden mit anschließendem Verkehrschaos nichts mehr am Hut. Zumal nicht nur die Autofahrer stundenlang im Stau gestanden sind, sondern auch noch Krankenhaustransporte und Rettungseinsätze. Die Gegner vergessen in ihrer blinden Wut auf die S21-Verantwortlichen, dass sie mit solchen Aktionen sicher keine weiteren Anhänger gewinnen. Im Gegenteil, sie werden durch ihre illegalen Aktionen unglaubwürdig und der jahrelang hart erkämpfte Respekt bei vielen Bürgern geht flöten.



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