Mehrheit der Radfahrer verzichtet auf Helm
BAD CANNSTATT: Laut einer Studie der SV-Versicherung trägt nur jeder Dritte einen Kopfschutz - Unfallzahlen steigen weiter
Sommerzeit ist Fahrradzeit. Doch nur ein Drittel der Radfahrer schützt sich mit einem Helm. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der SV SparkassenVersicherung. Während derzeit in Thüringen erneut über eine gesetzliche Helm-pflicht diskutiert wird, spricht sich der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) weiterhin gegen eine solche Regelung aus. Derweil nehmen die Unfälle mit Radlern zu.
Wer jetzt im Sommer die Radler auf dem Neckarradweg in Bad Cannstatt beobachtet, stellt schnell fest: Die meisten von ihnen sind ohne Helm unterwegs. Ein häufiger Zustand in ganz Deutschland. Laut einer Studie im Auftrag der Stuttgarter SV-Versicherung tragen nur 35 Prozent der Befragten Radfahrer einen Schutzhelm. Bei den Inlineskatern sind es 33 Prozent. Im Rahmen der Umfrage zum Thema „Sicherheit von Fahrradfahrern und Inlineskatern“ gaben 49 Prozent der Befragten an, sich bei Ausfahrten mit dem Rad unsicher zu fühlen. Trotzdem schätzt die Mehrheit der Radler das Unfallrisiko als eher gering ein. Bei den Inlineskatern gaben dagegen 73 Prozent an, dass ihnen das erhöhte Unfallrisiko ihres Hobbys durchaus bewusst ist.Das Ergebnis einer vom Auto Club Europa (ACE) veröffentlichten Untersuchung zeigt, dass die Gefährdung von Radfahrern im Straßenverkehr seit Jahren überproportional hoch ist. Für seinen Bericht hatte der in Bad Cannstatt ansässige Club Zahlen des Statistischen Bundesamtes ausgewertet. Danach kann die insgesamt positive Entwicklung der Unfallstatistik nicht darüber hinweg täuschen, dass innerhalb der letzten zwölf Jahre die Zahl der verunglückten Radfahrer um nahezu zwölf Prozent zugenommen hat. Knapp 14 Prozent aller im Straßenverkehr Verletzten kamen auf einem Fahrrad zu Schaden. Laut der Verkehrsunfallstatistik der Polizei in Stuttgart waren allein in der Landeshauptstadt im vergangenen Jahr 423 Radler in Verkehrsunfälle verwickelt. Wie viele von ihnen einen Helm trugen, wurde in der polizeilichen Statistik nicht erfasst.
Dabei ist es nicht immer der Zusammenstoß mit einem Auto, der zum Unfall führt. Auch rutschige oder unebene Straßen sowie zu hohe Geschwindigkeiten in engen Kurven können den Radfahrer zu Fall bringen. Angesichts dieser Entwicklung fühlen sich viele Radfahrer auf Deutschlands Straßen unsicher. Dennoch fehlt es vielen von ihnen an der Bereitschaft, regelmäßig einen Helm zu tragen.
Seit Jahren ist deshalb immer wieder die Einführung einer gesetzlichen Helmpflicht in der Diskussion. Eine im Jahr 2007 eingereichte Petition an den Bundestag wurde aufgrund drohender „Überreglementierung“ abgelehnt. Derzeit wagt Thüringens Verkehrsminister Christian Carius (CDU) einen neuen Vorstoß. Er will in den nächsten zwei Jahren auf Bundesebene ein Gesetz zur allgemeinen Helmpflicht für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren auf den Weg bringen. Ein Vorschlag, der nicht nur Zustimmung hervorruft.
Vehement gegen eine solche Regelung spricht sich beispielsweise der ADFC aus. Dort will man dem mündigen Radfahrer selbst überlassen, ob und wie er sich schützt. „Wir sind nicht gegen das Tragen von Fahrradhelmen an sich, sondern nur gegen eine gesetzliche Helmpflicht“, erklärt Roland Hohn, der Rechtsreferent des Clubs. „Erfahrungen aus Ländern, in denen in der Vergangenheit eine Helmpflicht eingeführt wurde, haben gezeigt, dass der Anteil an schweren Kopfverletzungen zwar abgenommen hat“, sagt Hohn. Gleichzeitig hätte sich aber auch die Zahl der Radfahrer stark verringert. Dies wäre weder umwelt- noch gesundheitspolitisch zu verantworten, heißt es beim ADFC.
Auch die Schutzwirkung der Kopfbedeckung aus Schaumstoff und Plastik ist bei vielen Experten umstritten. Die Befürworter der Helmpflicht führen gerne Untersuchungen an, nach denen bis zu 90 Prozent der schweren Schädel- und Hirnverletzungen durch einen Schutzhelm hätten vermieden werden können. Ein Argument, das man beim ADFC nicht gelten lassen will. „Man darf sich keine falschen Vorstellungen von der Schutzwirkung von Fahrradhelmen machen“, sagt Hohn, „wenn es mal richtig kracht, dann helfen diese auch nicht viel.“ Denn die Helme würden mit „unrealistischen“ Aufschlaggeschwindigkeiten von 19,5 Stundenkilometer getestet. Viel sinnvoller sind nach Ansicht des ADFC dagegen Tempolimits für Autofahrer in bewohnten Gebieten und Sicherheitsvorkehrungen an den Autos selbst - wie nachgebende Motorhauben sowie Außenairbags für die Windschutzscheibe zum besseren Schutz frontal kollidierender Radfahrer.
Sicherheitstipps
Der Helm: Darf weder drücken, noch rutschen und sollte Stirn, Schläfe sowie Hinterkopf schützen.
Kleidung: Helle Farben und reflektierende Streifen werden gerade bei Dunkelheit besser gesehen. Sonnen- oder Sportbrillen als Schutz für die Augen.
Rad-Check: Vorder- und Rücklicht, Speichenstrahler, Klingel, Reifen und Bremsen sollten regelmäßig kontrolliert werden.
Bei Unfall: Haftpflicht- und Unfallversicherung sowie die Krankenkasse kommen für die entstehenden Kosten auf.
Oben mit oder ohne? Der Großteil der deutschen Radfahrer ist ohne Schutzhelm unterwegs. Die Einführung einer Helmpflicht ist umstritten. Fotos: dpa



