„Musik aus dem Dunkel“
B ad Cannstatt: Der blinde Organist Stefan Albertshauser spielte Orgelmusik blinder Komponisten in der Liebfrauenkirche
Wenn blinde Menschen hörbare Kunst bewerten, wird ihrem Urteil gemeinhin besonderes Sachverständnis zugemessen. So gilt beispielsweise der „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ seit über fünfzig Jahren als Adelsprädikat für die Produktionen der Blütezeit des Rundfunks. Jetzt reizte es den 35-jährigen Organisten Stefan Albertshauser, ein Konzert mit Orgelwerken blinder Komponisten zusammenzustellen. Am Sonntag stellte er unter dem Motto „Musik aus dem Dunkel“ in der Liebfrauenkirche das Ergebnis seiner Erkundungen vor, im Rahmen von Ulrich Hafners diesjähriger Reihe „Musik von-mit-für Menschen mit Behinderung“. Denn auch Albertshauser ist blind. Diese abendliche „Stunde der Kirchenmusik“ wurde für alle Besucher ein derart intensives Erlebnis, dass sie nach dem Ausklang des „Carillon de Westminster“ von Louis Vierne lange regungslos verharrten. So war es bereits den staunenden Hörern der Uraufführung dieser Orgelfantasie über das Glockengeläut von Westminster im Jahre 1927 geschehen. Es ist nun nicht so, dass Musik blinder Komponisten „anders“ ist, als die von sehenden, auch wenn Richard Hellbach, der kundig durch das Programm führte, den besonderen Klangfarbenreichtum dieser Werke betonte. Was blinde Musiker auszeichnet, hat bereits Charles Colin seinem siebenjährigen Neffen Louis Vierne bestätigt: „sehr exaktes Gehör, gutes Gedächtnis, rhythmisches Gefühl und natürlichen Sinn für Harmonien“. Das gilt auch für Albertshauser, der die Orgel der Liebfrauenkirche entfesselte und den Kirchenraum zum „musikalischen Universum werden ließ, den Engelsstimmen erfüllten“. Diese Charakteristik hatte der k.u.k. Hofkomponist Josef Labor (1842-1924) als Motto für seine Sonate h-moll (op. 15) in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ gefunden, mit der das Konzert begann. Die drei Sätze fügen in feiner Abstimmung getragenen Ernst und strahlenden Jubel zu einem dramatischen Spannungsgeflecht. Dieser Dreiklang durchzog das ganze Konzert, in dem Albertshauser die musikalische Botschaft von insgesamt fünf Komponisten erklingen ließ. Von den melodischen Fingerübungen Konrad Paumanns (ca 1410 - 1470) über John Stanleys (1712 -1770) Verbindung von ruhiger Sehnsucht und ausgelassener Lebensfreude in „Voluntary Nr. 7“ bis hin zu der quirligen „Hommage à Frescobaldi“ von Jean Langlais (1907 - 1991).Diesen Querschnitt durch fünf Jahrhunderte hatte sich der Augsburger Organist und Chorleiter überzeugend zu eigen gemacht, denn jede Partitur muss er erst in Blindennotenschrift ganz lesen und in seinem Kopf zusammenfügen, bis er sie danach auswendig spielen kann. Die Computerunterstützung der Leipziger Zentralbücherei für Blinde ist dabei zwar hilfreich, aber die Arbeit bleibt aufwendig und kostspielig. Doch wer für die Musik lebt, wie Albertshauser es tut, nimmt die harte Arbeit gerne auf sich. Und seine Zuhörer staunen und sind begeistert.



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