Alte Studie entfacht neue Diskussionen
Projektgegner sehen sich durch ein jetzt erst bekannt gewordenes Gutachten bestätigt - Bahn „optimiert“ Entwurf für Tiefbahnhof
Stuttgart (eh) - Ein vom Verkehrsministerium des Landes vor zwei Jahren in Auftrag gegebenes Gutachten bescheinigt dem Milliardenprojekt
Stuttgart 21 Mängel bei der Bewältigung des Verkehrs. Das Papier wurde bislang unter Verschluss gehalten - jetzt liegt es den Projektgegnern vor. Und die schlagen Alarm.Damit aber wollen sich die Projektgegner nicht zufrieden geben. „Dass dieses Gutachten vor der Öffentlichkeit geheim gehalten
wurde, ist ein Skandal und einer aufgeklärten Demokratie unwürdig“, kritisiert Werner Wölfle, verkehrspolitischer Sprecher
der Grünen im Landtag. Er fordert die Landesregierung auf, in der Plenarsitzung am kommenden Donnerstag Stellung zu nehmen
zu den „erschütternden Erkenntnissen aus dem erst durch die Projektgegner endlich vollständig veröffentlichten Gutachten“.
Derweil hat die Bahn den Entwurf für den unterirdischen Tiefbahnhof „optimiert“: So sollen die Gitterschalen der insgesamt
vier Zugänge kleiner als bislang vorgesehen ausfallen - um den Turm des Denkmalgeschützen Bonatzbaus besser zur Geltung kommen
zu lassen, heißt es zur Begründung. Vertreter des Verkehrsunternehmens und des aus dem Architektenwettbewerb als Sieger hervorgegangenen
Büros Ingenhoven haben dem gemeinderätlichen Technikausschuss gestern die Änderungen vorgestellt. Die Optimierungen seien
Ergebnis eines Prüfauftrages der Projektpartner an die Bahn. Die Gitterschalen galten vielen als überdimensioniert. Mit der
Verkleinerung soll insbesondere der Turm des denkmalgeschützten Bonatzgebäudes besser zur Geltung kommen. Zugleich wurden
technische Details auf die Gegebenheiten abgestimmt - der Mittelteil des aus dem Jahr 1922 stammende Bahnhofsgebäude bleibt
als Empfangsgebäude der künftigen Station erhalten. So wurden gegenüber der bisherigen Planung einzelne Standorte von Aufzügen
und Rolltreppen verändert, um eine optimalere Wegeführung der Reisenden zu und auf den Bahnsteigen zu ermöglichen. Die konkreten
Planungen wollen Bahn und Architekten am 23. August der Öffentlichkeit vorstellen.
Vor zwei Wochen waren Auszüge aus dem Gutachten des Züricher Ingenieurbüros SMA an die Öffentlichkeit gelangt - allerdings nur in Auszügen (wir berichteten). Nun liegt das Papier dem Fahrgastverband Pro Bahn, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) vor. Die Verbände fühlen sich dadurch in ihrer Kritik bestätigt: Der Bahnhof werde zum Nadelöhr, sagte Gerhard Pfeifer vom BUND. Das Gutachten zeige, dass die Infrastruktur im Wirtschaftsraum Mittlerer Neckar durch Stuttgart 21 nicht verbessert, sondern reduziert werde. Es bestehe sogar die Gefahr, dass in Zukunft Züge um Stuttgart herumgeführt werden müssten.Die Schweizer Gutachter monieren bei Stuttgart 21 zum Beispiel ein „hohes Stabilitätsrisiko“ und eine „knapp dimensionierte Infrastruktur“. Es werde „Konflikte zwischen Hauptbahnhof und Flughafen mit dem Regionalverkehr“ geben. Das alles sei „nicht kompatibel mit den Fernverkehrszügen in Stuttgart“. Fahrzeitverlängerungen könnten die Folge sein. Eine Gestaltung des Fahrplans sei künftig „nur in sehr geringem Maß möglich“. Zum Schluss heißt es gar: „Aufgrund der Brisanz der vorliegenden Resultate ist absolutes Stillschweigen erforderlich.“ Was wohl erklärt, warum die Studie still und leise in einer Schreibtischschublade verschwand. Seitens des Ministeriums wurde prompt erklärt, bei dem Gutachten handle es sich um „überholte Arbeitspapiere“. Sie seien damals erstellt worden, um etwaige Probleme beim Betriebsablauf frühzeitig zu erkennen, die Ergebnisse seien in die Planungen eingeflossen.


