Stuttgart-21-Gegner besetzen Bahnhofsflügel
Polizei lässt nach 22 Uhr Gebäude räumen - Deutsche Bahn stellt Strafanzeige in Aussicht
Stuttgart (ae) - Mehr als 50 Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 besetzten gestern Abend während der wöchentlichen Montagsdemo den Nordflügel des Hauptbahnhofs. Zwischen einzelnen Teilnehmern des Protests und der Polizei kam es zu Handgreiflichkeiten.
Gegen 18.15 Uhr war es einer Gruppe von 15 Aktivisten nach einem Ablenkungsmanöver gelungen, sich Zutritt zu dem verschlossenen Gebäudeteil zu verschaffen. Dort öffneten sie die Fenster, so dass mit Hilfe von Leitern weitere Demonstranten in die oberen Etagen des Nordflügels eindringen konnten. Spruchbänder mit der Aufschrift „Besetzt“ oder „Stuttgart 21 entern“ wurden aus den Fenstern gehängt, Luftballons stiegen auf, ein Konfetti-Regen prasselte nieder. Rund 1500 Gegner des Bahnprojekts hatten sich nach Schätzungen der Polizei zuvor zur Montagsdemo versammelt. Als die Beamten gegen die Besetzung des Nordflügels vorgehen wollten, kam es zu Handgreiflichkeiten. „Es wurden den Polizisten die Mützen vom Kopf geschlagen“, berichtet Polizeisprecher Stefan Keilbach. 200 Einsatzkräfte versammelten sich am späten Abend vor dem Nordausgang, um nach 22 Uhr das Gebäude zu räumen. Die vor dem Bahnhof verbliebenen Demonstranten wurden zuvor in Richtung Westflügel abgedrängt.
Mit ihrem Protest forderten die Aktivisten die Veröffentlichung von aktuellen Zahlen zur Neubaustrecke Wendlingen-Ulm, damit nicht mit „dem vorgezogenen Abriss irreparabler Schaden angerichtet“ werde. Die Gegner gehen davon aus, dass sich die Kosten mit etwa sechs Milliarden Euro verdreifachen werden und berufen sich in ihrer Einschätzung auf Berliner Bahnkreise. Mit der gestrigen Aktion habe man allerdings den bislang friedlichen, bürgerlichen Protest hinter sich gelassen, wertete der Polizeisprecher die Aktion. Die Deutsche Bahn habe Strafanzeige wegen Hausfriedenbruchs in Aussicht gestellt.
Gestern Vormittag wurde bekannt, dass der Urheberrechtsstreit um den Abriss der Seitenflügel im Herbst in eine neue Runde geht. Das Oberlandesgericht teilte mit, der vierte Zivilsenat werde über die Berufung von Peter Dübbers am 6. Oktober verhandeln. Der Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz kämpft nach einer Niederlage vor dem Stuttgarter Landgericht weiter gegen den von der Deutsche Bahn AG für August vorgesehenen Abriss; er sieht darin die „Amputation“ des Bauwerkes seines Großvaters, von dem er die Urheberrechte geerbt hat. Das Landgericht hatte am 20. Mai entschieden, dass Dübbers durch die Pläne nicht hinreichend in seinem Urheberrecht verletzt wird. Ungeachtet der juristischen Auseinandersetzung will die Bahn mit dem Abriss des Nordflügels im August beginnen.



