Eine automobile Zeitreise
Die zehnte Retro Classics lässt die Herzen von Fahrzeugliebhabern, Sammlern und Tüftlern höher schlagen
Stuttgart - Für Michael Müller sind die Retro Classics Pflicht. Der 47-Jährige aus Göppingen steht auf alte Autos. „Und auf dieser Messe komme ich voll auf meine Kosten.“ Seine Augen leuchten. Auf 100 000 Quadratmeter kann er Oldtimer und Youngtimer - Fahrzeuge, die 20 bis 25 Jahre alt sind - bewundern, fachsimpeln oder einfach nur staunen. Alle Hallen der Landesmesse sind gefüllt. Gleich am Eingang heißt es „Vorwärts in die Vergangenheit“, bei der 150 Jahre Elektromobilität ausgestellt sind. Zu sehen ist auch das Elektrofahrzeug La Jamais Contente Baujahr 1899, das es auf 105 Stundenkilometer Fahrleistung brachte. „Das sieht aus wie ein große silberne Zigarre“, lacht Müller. Er steht auf alte „Ami-Schlitten“, begeistert sich aber für alle Fahrzeuge, die „noch mit viel Liebe zum Detail gebaut wurden“.
Davon sind bei der Retro Classics massenweise zu sehen. „Der komplette Wahnsinn.“ Ob Fiat Topolino Baujahr 1936, Bentley MK VI Baujahr 1952, DKW Cabrio 1938, ein Tempo Dreirad aus dem Jahr 1940, ein VW T1 Panorama Fensterbus Baujahr 1953 oder eine BMW Isetta Baujahr 1960, die mit 13 PS unterwegs war. Sammler Lipresto Milano hat Alfa Romeos mitgebracht, darunter den 6 C 2500 SS Berlinetta, Baujahr 1949, das erste Fahrzeug mit Doppelscheinwerfern. Doch nicht nur Fahrzeuge aller Art - Rennwagen, Nutzfahrzeuge, Busse, Motorräder - auch das Zubehör darf nicht fehlen. Wer einen Oldtimer fährt, braucht eine coole Brille, Lederhaube, Handschuhe, Handtasche, Gepäckstücke. Und wenn das geliebte Fahrzeug wieder in der Garage steht, will es gepflegt werden. Spezielle Reinigungsmittel, Werkzeug, Ersatzteile oder mobile Zeltüberdachungen als Schutzhülle sind Pflicht. „Dazu ist ein entsprechendes Konto nötig“, sagt Michael Müller. Der Werbegrafiker hat es nicht. „Ich trauere meinem R 4 mit der Revolverschaltung nach, mein erstes Auto.“ Deshalb freut es ihn, als er einige davon sieht. „Da werden Erinnerungen wach.“
Jetzt will er schnell zu Lankes Klassiker-Auktion. Moderator Hübner begrüßt Anneliese Abarth, die Frau des österreichischen Rennfahrers Carlo Abarth. Sie hat soeben das Buch „Mein Leben mit dem genialen Konstrukteur“ veröffentlicht und ersteigert sich gleich noch ein Fahrzeug für 40 000 Euro. Unter den Hammer kommen unter anderem ein Austin Healy 3000, Baujahr 1960. „Es ist ready to race“, so Hübner. Auch ein Mercedes 220 S Rallye „Heckflosse“, Baujahr 1968, bekommt einen neuen Besitzer. Am teuersten aber ist der Bugatti Typ 40, 868 Roadster aus dem Jahr 1930. „340 000 Euro zum ersten, zum zweiten und zum dritten.“
Michael Müller schüttelt den Kopf. „Alle reden von Krise. Hier scheint es sie nicht zu geben.“ Da schwelgt er lieber mit den ehemaligen Rennfahrern Hans Herrmann, Werner Eisele und Herbert Linge in Nostalgie, die an einem Stand Autogramme geben und von ihren Rennen erzählen. Er kommt sich vor wie in einer großen Familie von Autoliebhabern. Zig Fotos hat er auf der Retro Classics geschossen. Auch vom größten fahrbaren Motorrad der Welt, dem 410 Gunbus, den Clemens Leonhardt als „Blickfang“ der Messe zur Verfügung gestellt hat. 235 000 Euro kostet das gute Stück, das er bislang nur in die USA verkauft hat. Der Gunbus ist 1,48 Meter hoch und wiegt leer 650 Kilogramm. „Man kann wirklich damit fahren.“ Nach so vielen Eindrücken ist Michael Müller erschöpft, aber restlos zufrieden. „Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei.“



