Schimpansen-Ära in der Wilhelma zu Ende
BAD CANNSTATT: Susi und Moritz verlassen den zoologisch-botanischen Garten in der kommenden Woche
Die Vorbereitungen für den Bau des Menschenaffenhauses machen Fortschritte. „Ich denke, dass im April der Spatenstich erfolgen kann“, sagt Direktor Dieter Jauch. Sicher ist dagegen, dass die beiden Schimpansen Moritz und Susi in der kommenden Woche die Wilhelma in Richtung Ungarn verlassen werden. Bekanntlich will der zoologische-botanische Garten künftig nur noch Bonobos, Gorillas und Orang-Utans halten.
Nachdem das Land am 28. Oktober grünes Licht für den Bau der neuen Anlage für afrikanische Menschenaffen gegeben hat, starteten in der Wilhelma mit Hochdruck die Bauvorbereitungen. Zunächst wurde die dafür eingeplante Fläche oberhalb des Giraffengeheges für den Neubau frei gemacht. Tiere, etwa die Wasserböcke, wurden verlegt und Gehege abgerissen. Vor einigen Wochen rückten auch die ersten Bagger an. „Bei den momentan zu sehenden Arbeiten handelt es sich nur um vorbereitende Maßnahmen“, erklärt Direktor Dieter Jauch. Dazu gehören sämtliche Versorgungsleitungen für das neue Menschenaffenhaus. Sobald die Rohbauarbeiten vergeben seien, erfolge der Spatenstich für das knapp 16 Millionen Euro teure Projekt. „Ich denke, dass er noch im April erfolgen wird“, so Jauch.Bis dahin haben die beiden Schimpansen Susi und Moritz die Wilhelma längst verlassen. „Wir haben einen Zoo gefunden, der ihnen für ihre letzten Jahre ein besseres Zuhause bieten kann“, sagt Dieter Jauch. Bereits in der kommenden Woche wird das Schimpansenpaar Moritz und Susi nun in den ungarischen Zoo von Veszprém umziehen. Hier sollen sie ihren Lebensabend in einem großen Gehege und im Kreis von Artgenossen verbringen können.
Schon 2003 hatte die Wilhelma in ihrem Entwicklungsplan festgelegt, dass sie die Haltung von Schimpansen langfristig aufgeben wird, um dafür die drei anderen Menschenaffenarten besser und artgerechter unterbringen zu können. Die neue Anlage wird daher nur Gorillas und Bonobos aufnehmen, das alte Haus für die Orang-Utans umgebaut. Ihren Lebensabend hätten Susi und Moritz - zumal gute Plätze für Schimpansen in den letzten Jahren schwer zu finden waren - trotzdem in Stuttgart verbringen können, hätte das EEP (Europäische Erhaltungszuchtprogramm) jetzt nicht mit dem ungarischen Zoo eine bessere Lösung gefunden. Dort haben Susi und Moritz künftig auf 2400 Quadratmetern jede Menge Platz für sich und ihre Artgenossen.
„Wir sind sicher, zum Wohl von Susi und Moritz richtig entschieden zu haben“, so Jauch. „Trotzdem fällt uns der Abschied natürlich schwer, immerhin leben die beiden schon seit 1975 und 1967 bei uns.“ Zudem seien Schimpansen die erste Menschenaffenart in der Wilhelma gewesen. Aber seit die Weibchen Jenny und Bärbel, um Inzucht mit Bärbel und ihrem Vater Moritz zu vermeiden, Anfang 2008 in den Attica Zoo bei Athen umzogen, wurde es für das altgediente Paar doch ziemlich ruhig, um nicht zu sagen langweilig.
Schimpansen leben in der Natur in größeren Verbänden, soziale Beziehungen sind neben der Nahrungssuche die wichtigste Beschäftigung - das gilt auch im Zoo. Doch in Stuttgart fehlt der Platz, um eine neue Gruppe aufzubauen.
Mit ihren 45 und 47 Jahren sind Susi und Moritz zwar nicht mehr die Jüngsten. Doch eine eigens durchgeführte tierärztliche Untersuchung bestätigte, dass sie fit und reisetüchtig sind. Zudem ist Moritz noch zeugungsfähig. Es lohnt sich also, sie in eine neue Unterkunft umzusiedeln. Um den Schimpansen die Eingewöhnung zu erleichtern, haben sich bereits drei ungarische Pfleger in der Wilhelma mit Susi und Moritz vertraut gemacht. Kommende Woche wird dann der Direktor des Zoos von Veszprém die zwei persönlich abholen, ein Stuttgarter Pfleger wird sie begleiten und sich in Ungarn anfangs um sie kümmern.
Schimpansen seit 1958
Seit 1958 hält die Wilhelma Schimpansen. Unter den ersten war die berühmte Sonny, die ihrem Pfleger Heinz Scharpf bei der Seelöwenfütterung half. Bekannt wurde auch das Schimpansenmännchen Pierino. Er war im Jahr 1966 ein Geschenk der italienischen Adria-Stadt Lignano. Pierino war mit seinem Besitzer im Fernsehen aufgetreten und damals ein richtiger TV-Star. Er konnte mit Messer und Gabel essen und Rollschuh laufen. Susi kam im Jahr 1967, Moritz 1975 an den Neckar. Susi, die in der Wilhelma fünf Babys zur Welt brachte, war eine fürsorgliche Mutter. Ihr letzter Sohn Sepp ging an den Zoo von Amersfoort (Holland). 2007 wurde Moritz’ Tochter Bärbel zur Vermeidung von Inzucht zusammen mit ihrer Mutter Jenny an den Zoo Attica Park (Athen) abgegeben.



