WAS MACHT EIGENTLICH WIEBKE WäHLING?

Zupackend und sozial engagiert

BAD CANNSTATT: Die 63-Jährige ist nach der Pfarrerstätigkeit auf dem Hallschlag Dekanin in Zuffenhausen

 


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Sie standen in der Öffentlichkeit, haben Schlagzeilen gemacht, ihre Geschichte, ihr Schicksal haben uns bewegt, uns unterhalten, haben uns zum Lachen, zum Weinen oder auch zum Nachdenken gebracht. Jetzt stehen sie nicht mehr im Cannstatter Rampenlicht, sind aber dennoch nicht vergessen. In der Serie „Was macht eigentlich?“ stellen wir sie wieder vor. Heute: Wiebke Wähling.

Von Iris Frey

Zehn Jahre lang bestimmte die evangelische Pfarrerin Wiebke Wähling die Geschicke auf dem Hallschlag. 2001 wurde sie als erste Frau in Stuttgart Dekanin - in Zuffenhausen. Seitdem wohnt sie im Dekanatsamt in der Ortsmitte in einem historischen Haus. Das Gebäude steht dort seit 1657, wie ein Hinweis über der Tür zeigt. Sie ist laut Tafel im Foyer die Nummer 27 in der Reihe der Dekane in Zuffenhausen, die mit dem Jahr 1657 beginnt. Über die neue Aufgabe habe sie sich sehr gefreut - nach der intensiven Arbeit auf dem Hallschlag, sagt sie. Dort war sie von 1991 Pfarrerin im sozialen Brennpunkt. Sie engagierte sich ehrenamtlich in der Stadtteilarbeit für die Initiative Hallschlag 2000. Im Jahr 1999 konnte sie das Nachbarschaftszentrum gegenüber dem Römerkastell einweihen, das heute schuldenfrei dastehe, was sie sehr freut. Vieles rund um das Römerkastell konnte angepackt werden, weiß Wähling. Und sie ist im Rückblick stolz drauf, freut sich auch über die aktuellen Entwicklungen, etwa, dass die Wohngebäude in der Düsseldorfer Straße saniert werden. „Damals konnte man noch Projekte anpacken und wusste, dass sie etwas werden, heute müssen wir Vorhandenes umwandeln mit positiven Begleitzielen.“ Gemeint sind die Strukturveränderungen, die sie als Dekanin in ihrem großen Bezirk nun maßgeblich einleitet. Seit sie in Zuffenhausen ist, wurden eine Kirche, zwei Pfarrhäuser sowie ein Gemeindehaus mit Kindergarten verkauft. Ihre Aufgabe jetzt: „Ich bringe die Kirchengemeinden dazu, Immobilienkonzepte zu erstellen.“ Feuerbach habe vier Kirchen und vier Gemeindehäuser, die werden auf Dauer so nicht zu halten sein.

Schwierige Diskussionen hat sie zu bewältigen, aber das macht sie gerne. So habe sich die Gemeinde in Feuerbach entschlossen, sich bis zum Jahr 2017 von zwei Häusern zu trennen. Wähling gibt zu bedenken: „Investieren wir in die Steine oder die Menschen?“ Letzteres sei ihr wichtiger. Die Fachkenntnisse, die sie sich während ihrer sechsjährigen Tätigkeit als Vorsitzende des Haushaltsausschusses der württembergischen Landeskirche erworben hat, setzt sie nun ein, um neue Sozialstrukturen zu schaffen. Wähling ist für rund 32 000 Gläubige zuständig, erlebt große Umschichtungen in der Bevölkerung. Als das Dekanat Zuffenhausen 1965 von Cannstatt abgespalten wurde, zählte es 70 000 Gläubige. Durch den Schwund der Mitglieder muss sie den Strukturwandel weiter verfolgen. Sie trägt Personalverantwortung für die Pfarrer und Haushalte ihres Kirchenbezirks. Zu ihrem Wirkungskreis gehören Zuffenhausen, Stammheim, Himmelsleiter mit Rot, Freiberg, Mönchfeld, Zazenhausen, Feuerbach und Weilimdorf. Sie wirkt auf Kirchenkreisebene und ist Dekanin für die Diakonie. Dort setzt sie sich für eine stärkere Vernetzung der einzelnen Einrichtungen ein und hat am 10. Juni ein Blind Date dafür organisiert. „Vieles, was an Diakonie da ist, wird nicht wahrgenommen.“ Das will sie ändern.

2008 hat sie in der Pauluskirche eine Armutskonferenz organisiert. Ein Ergebnis war ein Angebotsatlas, „um die Augen der Gemeinde zu schärfen“. Da sie für die Vesperkirche verantwortlich ist, die täglich 700 Menschen zählte, stoßen ihr die Äußerungen von Vizekanzler Guido Westerwelle zu Hartz IV besonders auf. Sie weiß, dass die Angst vor Armut mittlerweile auch die Mittelschicht erreicht hat. „Mit der Angst der Menschen so umzugehen, dass man draufhaut, ist unverantwortlich.“ Die Menschen möchten arbeiten, so Wähling. Schlimm sei es für diejenigen, die schon fünf Jahre mit Hartz IV leben und sehen, es kommt nichts mehr.

„Stuttgart sozial“ heißt ihr neuestes Projekt, in dem sich viele sozial tätige Institutionen zusammengeschlossen haben und gemeinsam auch im Internet auftreten. Mit der Einrichtung von Pflegehotels und der individuellen Betreuung von Behinderten blickt sie auf positive Entwicklungen um sich herum. Als Aufgaben für die Diakonie sieht sie, neue Initiativen zu ergreifen, die akute Probleme anpacken. Und da steckt die 63-Jährige voll drin und packt an, wo es nötig ist.

Artikel vom 06.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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