Zähes Ringen um ein NS-Dokumentationszentrum
Am 3. März wird Architektenwettbewerb für „Da-Vinci“-Projekt entschieden und damit auch die Zukunft des „Hotel Silber“
Stuttgart - Die Entscheidung über Erhalt oder Abriss des „Hotel Silber“, der einstigen Gestapo-Zentrale in Stuttgart, steht
bevor: Am 3. März wollen das Land und die Firma Breuninger den Sieger des Architektenwettbewerbs für das Projekt „Da Vinci“
am Karlsplatz küren. Die Initiative Gedenkort Hotel Silber fordert weiterhin die Einrichtung eines NS-Dokumentationszentrums
an historischer Stelle.
Zwölf namhafte Architekturbüros haben ihre Entwürfe für den etwa 270 Millionen Euro teuren Gebäudekomplex eingereicht, den das Land Baden-Württemberg und die Firma Breuninger im Herzen Stuttgarts errichten wollen. Mit Spannung wird erwartet, wie sie Büros für Ministerien, ein Luxushotel, Einzelhandel und Gastronomie auf bis zu 49 000 Quadratmeter oberirdischer Geschossfläche planen. Dass auch nur eines der Büros den Erhalt des früheren „Hotel Silber“ vorschlagen wird, hält die Initiative für eher unwahrscheinlich: Im Ausschreibungstext stand zwar, dass im Gebäude Dorotheenstraße 10 beabsichtigt sei, einen Gedenkort für die dort verübten NS-Verbrechen einzurichten - allerdings im Keller. Und das sei, monieren Roland Ostertag, Ebbe Kögel und Harald Stingele, in keiner Weise der Bedeutung angemessen. „Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass das Gebäude - Ort der schlimmsten Verbrechen während der Nazi-Zeit - erhalten bleibt und wie in anderen deutschen Städten ein NS-Dokumentationszentrum eingerichtet wird.“Der Kampf um eine solche Stätte gleiche jedoch dem gegen Windmühlen, berichtet Ostertag. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die Behauptung der Stadtverwaltung zu widerlegen, das Gebäude sei im Zweiten Weltkrieg zerstört worden und deshalb nicht mehr authentisch. Es habe Monate gedauert, bis er überhaupt Einsicht in Bauakten erhalten habe - und erst die Androhung, Dienstaufsichtsbeschwerde einzureichen, hätte Wirkung gezeigt. Seine jüngsten Recherchen bestätigen die Initiative: Jener Gebäudeteil, in deren Keller sich die berüchtigten Verwahrzellen befanden, sei vollständig erhalten geblieben und konnte bereits ab 1946 von der Polizei wieder benutzt werden. Erst in den folgenden drei Jahren habe die Stadt als Besitzer im Inneren bauliche Änderungen vorgenommen, dabei die noch vorhandenen Zeugnisse der Gestapo-Nutzung weitgehend beseitigt. Den le tzten Rest habe das L and besorgt, das 1976 das Gebäude übernahm und es Anfang der 80er Jahre umbaute. Es komme aber auch gar nicht auf Originaltreue an, erklärt Stingele. „Viele Nachfahren von Opfern des NS-Terrors versichern uns, dass der Abriss für sie ein Schlag ins Gesicht wäre. Die Authentizität des Gebäudes besteht für sie in schmerzhaften Erinnerungen, die sich mit diesem Ort verknüpfen.“ Bei ihren Aktionen hätten sie schon zahlreiche Geschichten von Folter, Verhören und Hinrichtungen gehört. „Wir sind überzeugt, noch mehr Berichte zusammentragen zu können.“ Doch das würde für die ehrenamtlich Tätigen der 14 in der Gedenk-Initiative zusammengeschlossenen Vereine und Gruppierungen schlichtweg nicht leistbar sein. Man habe daher der Firma Breuninger ein entsprechendes Engagement angetragen. „Aber wir haben, einmal mehr, nichts gehört“, ärgert sich Kögel über das Verhalten des Unternehmens, das für das Handeln der Firmenleitung in der NS-Zeit nicht verantwortlich gemacht werden könne, aber „eine Verantwortung für den geschichtsbewusste n Umgang mit diesem Erbe“ habe. Das selbe gelte auch für die Projektpartner.
Es sei ein Skandal, wie das Land und die Stadt mit der Geschichte umgehen, entrüsten sich die Vertreter der Initiative Gedenkort Hotel Silber. „Wir werden nicht ernst genommen oder von einem zum anderen verwiesen.“ Dass man anders agieren könne, würden Köln, München, Berlin und Nürnberg zeigen. Dort seien in den letzten Jahren mit breiter materieller und ideeller Unterstützung NS-Dokumentationszentren entstanden. Die letzte Hoffnung der Initiative ist nun der Stuttgarter Gemeinderat. Denn der hat die Planungshoheit, kann politische Vorgaben für einen Bebauungsplan festlegen. Wie jeder einzelne der 60 Stadträte zum Vorhaben steht, will die Initiative jetzt wissen: Bis Ende März erwartet sie die Antworten auf elf Fragen. „Wir werden jede Reaktion öffentlich machen.“
Am kommenden Donnerstag, 25. Februar, findet darüber hinaus um 18 Uhr im Stuttgarter Rathaus eine öffentliche Anhörung zum Thema „Hotel Silber“ und NS-Dokumentationszentrum statt.



