GAISBURGER MARSCH
Dem schwäbischen Eintopf auf der Spur Das Originalrezept Stimmen aus Deutschland
STUTTGART-OST: Historiker Ulrich Gohl hat die Entstehungsgeschichte des Gerichts untersucht und eine Ausstellung im Muse-O zusammengestellt
Kartoffeln und Spätzle, vereint in herzhafter Fleischbrühe: Was sich für „Reigschmeckte“ nach einer kühnen Zusammenstellung für den Gaumen anhören mag, lässt dem Schwaben das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Rede ist vom Gaisburger Marsch. Doch wie kam der schwäbische Eintopf eigentlich zu seinem Namen? Und seit wann gibt es ihn überhaupt? Historiker Ulrich Gohl hat sich auf Spurensuche begeben . Im Lauf seiner Recherchen stieß Gohl im Lauf der vergangenen zwei Jahre auf nicht weniger als sieben Geschichten darüber, wie der Gaisburger Marsch zu seinem Namen gekommen sein soll. Die wohl populärste ist die Version, die Thaddäus Troll 1972 veröffentlicht hat. Danach genossen junge Stuttgarter Offiziersanwärter aus der nahe gelegenen Bergkaserne das Privileg, auswärts speisen zu dürfen. Besonders gern taten sie das der Legende nach in der Bäckerschmiede in Gaisburg, wohin sie des leckeren Eintopfes wegen zur Mittagszeit oft in militärischer Formation marschierten. „Eine schöne Legende, die sich aber leider nicht belegen lässt“, sagt Gohl. Im Gegenteil: Es gibt eindeutige Beweise, die gegen diese These sprechen: Die als Entstehungsort genannte Bäckerschmiede war zur vermuteten Entstehungszeit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Weinstube und Konditorei. Auch im Rezeptbuch des Besitzers, das Gohl ausfindig gemacht hat, fanden sich zwar jede Menge Kuchenrezepte, jedoch kein Hinweis auf einen Eintopf. Ähnlich weit verbreitet ist die Legende von den Gaisburger Hausfrauen, die ihre in Gefangenschaft geratenen Ehemännern mit einer warmen Mahlzeit versorgen durften - und dafür einmal am Tag mit einer Schüssel Eintopf ins Gefängnis marschierten. Eine romantische Geschichte, die aber nicht auf Tatsachen beruht - es mangelt im fraglichen Zeitraum nicht nur an einem Krieg, sondern auch am entsprechenden Gefangenenlager. Gleiches gilt für die ähnlich geartete Legende um die Daimler-Frauen, die jeden Mittag über die Gaisburger Brücke bis nach Untertürkheim marschiert sein sollen, um ihren Männer das Mittagessen im Henkelkorb zu bringen: „Eine schöne Theorie, aber leider nicht zu beweisen.“ Ebensowenig wie die Geschichte von Arbeitern aus dem Schlachthof, deren Vesperfleisch die Wirtin des in der Talstraße gelegenen Gasthauses „Zur Glocke“ in einem großen Kessel zubereitet haben soll, wodurch eine kräftige Brühe - die Basis für den schwäbischen Eintopf - entstanden sein soll.
Wesentlich weniger romantisch, dafür umso plausibler erscheint dem Historiker, dass sich der Name unter dem NS-Regime etablierte. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1933 wird der Begriff „Gaisburger Marsch“ nämlich erstmals erwähnt. In dem Bericht geht es um den sogenannten Eintopfsonntag, den die Nationalsozialisten kurz zuvor eingeführt hatten: „Am jeweils ersten Sonntag jedes Wintermonats durfte nur Eintopf gegessen werden. Das auf diese Weise eingesparte Geld musste an das Winterhilfswerk gespendet werden.“ Auch Gaststätten durften an diesem Tag nur Eintopf anbieten. In der Gaststätte Bäckerschmiede wurde damals unter anderem Gaisburger Marsch aufgetischt.
1935 kam der Begriff schließlich erstmals in einem Kochbuch vor, allerdings noch als Untertitel eines Gerichts namens Kartoffelschnitz und Spätzle. Das nämlich hatte als Resteessen schon Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Namen „Kartoffeln in der Fleischbrühe mit Spatzen“ Eingang in die Kochbücher gefunden - erstmals entdeckte Gohl es in „Löffler-Bechtels großem illustriertem Kochbuch“ aus dem Jahr 1897 im Kapitel Gemüse - gänzlich ohne Fleisch. Heute bedarf der Gaisburger Marsch - zumindest im Schwabenland - keiner weiteren Erklärungen mehr: In Gaisburg wird dem legendären Eintopf heute ab 11 Uhr sogar mit einem Fest gehuldigt: Der Musikverein lädt zum 36. Gaisburger Marsch auf den Schulhof der Grundschule Gaisburg.
Die Ausstellung im Muse-O im alten Gablenberger Schulhaus, Gablenberger Hautpstraße 130, ist noch bis Ende September zu sehen.
Spätzle mit Kartoffelschnitzen (Gaisburger Marsch)
Zutaten: 3/4 Pfund Mehl, gut 1/8 Liter Wasser, Salz, 2 Eier, 1 Pfund Kartoffeln, 30 g Butter, 1 Zwiebel - nach Belieben 1 Pfund Siedfleisch, Suppengrün.
Die roh geschälten Kartoffeln in Schnitze schneiden, in Salzwasser oder Fleischbrühe weichkochen. Spätzle herstellen. In die fertiggekochten Kartoffeln gibt man die abgetropften Spätzle (muß wie eine dicke Suppe sein), nach Belieben das in Würfel geschnittene Fleisch. Das fertige Gericht wird mit in Butter gerösteten Zwiebelscheiben abgeschmälzt. Oder: Man kocht die Kartoffeln im Dampftopf weich, gibt sie auf die Platte, gibt die fertigen Spätzle darüber und übergießt sie mit in Butter gerösteten Zwiebelscheiben.
(Quelle: Bauers Neues Kochbuch, Zweite Auflage, 1935)
(ab) - Im Schwabenland hat der Gaisburger Marsch nicht nur längst einen festen Platz auf dem Speisezettel von Familien, sondern sogar die gehobene Küche erobert. Der Stuttgarter Sternekoch Vincent Klink hat gleich mehrere Rezepte im Repertoire, sogar eines mit gebratenen Hasenfilets. Doch ist das schwäbische Eintopf auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt? Wir haben einmal in Hamburg, Bayern und Sachsen nachgefragt.
Anne Rehberg, WAGS Hamburg Event GmbH: Gehört habe ich den Begriff schon oft. Was genau sich dahinter verbirgt, weiß ich aber nicht. Ich glaube, es handelt sich um eine recht gehaltvolle Suppe, jedenfalls ist es keine Speise, die sich zum Abnehmen eignet.
„Hofnarr“ Joseph Frölich, Dresden: Diesen Begriff habe ich noch nie gehört. Ich nehme an, es handelt sich um einen Ort in Baden-Württemberg, der zu einem Jubiläum einen eigenen Marsch komponiert bekam. Oder es handelt sich um einen geschichtlichen Begriff, vielleicht gab es am Ende eines Krieges einen bekannten Marsch nach Gaisburg.
Gabriele Weishäupel, Chefin des Münchner Oktoberfests: Ich habe schon vom Gaisburger Marsch gehört. Ich glaube, es handelt sich um eine Spezialität, die unserem bayerischen Pichelsteiner ähnelt, das ist ein Eintopf aus Fleisch, Kartoffeln und Gemüse.



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