„Leute, übernehmt Verantwortung“
ES-SIRNAU: Gläubige ziehen am Himmelfahrtstag durch die Felder und beten für die Achtung der Natur
Seit zehn Jahren pflegen die katholischen Christen der Kirchengemeinden im Esslinger Osten mit ihrer Öschprozession den uralten
Brauch des Flurumgangs zum Feiertag Christi Himmelfahrt. Gestern versammelten sich am Hofgut Sirnau etwa 150 Gläubige zu einem
Prozessionszug zur Sirnauer Michaelskapelle.
An vier Stationen entlang des Weges beteten die Teilnehmer der Prozession für Arbeitsplätze, die Sicherheit im Straßenverkehr und die Achtung vor der Natur. „Dies ist ein würdiger Boden, die Öschprozession zu beginnen“, sagte Pfarrer Hans Nagel von der katholischen Kirchengemeinde Oberesslingen zum Auftakt des Flurumgangs innerhalb der Mauern des Hofguts Sirnau. Nagel erinnerte an die Vergangenheit des Hofguts, das ab dem Jahr 1241 beinahe 300 Jahre lang als Klosteranlage der Dominikanerinnen diente. „Das Kloster lebte von den landwirtschaftlichen Flächen ringsum“, sagte Nagel und wies auf die Scheune und die Stallungen des Hofgutes. An diese ländliche Tradition wolle die Prozession, die seit nunmehr zehn Jahren in Sirnau begangen wird, anknüpfen. Die Öschprozession nämlich sei ein uralter Brauch, der überwiegend in Süddeutschland von den katholischen Christen gepflegt werde, jedoch vorchristliche Wurzeln habe. Das Wort „Ösch“ leite sich von dem altgermanischen „Esch“ ab und bezeichne das fruchtbare Land, das Saatfeld. „Die Besitzer von Feldern gingen einmal jährlich um ihren Besitz, den Ösch, herum um zu zeigen, dass dieses Land in seinen vier Himmelsrichtungen ihm gehört“, erklärte Nagel. Gleichzeitig habe er sich dabei vom Stand der Saaten überzeugen wollen. In späterer, christlicher Zeit seien an den vier Ecken des Besitzes Feldkreuze aufgestellt worden. So habe sich der religiöse Flurumgang entwickelt, bei dem an vier Stationen um den Segen für die Frucht zum Beginn der Wachstumszeit gebetet wurde, „eine typisch ländliche Angelegenheit“, weiß der Oberesslinger Pfarrer.
Alte Tradition mit aktuellen Themen
Pastoralreferent Uwe Schindera verwies auf die Aktualität der Prozession. „Von Jahr zu Jahr kommen mehr Menschen dazu“, berichtete er. Er sehe „ein wachsendes Bedürfnis, sich zu treffen und Gemeinschaft zu erleben“, und auch Sorgen zu teilen, sagte Schindera. Die alte Tradition des Flurumgangs sei ohne weiteres auf das moderne industrielle Esslingen übertragbar. „Wir bedienen uns der alten biblischen Texte, aber unsere Themen sind aktuell“, beschrieb der Pastoralreferent. So beteten die etwa 150 Prozessionsteilnehmer, darunter auch evangelische Christen aus Sirnau, an den Stationen um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze, rücksichtsvollen Umgang miteinander im Straßenverkehr, um Achtung der Natur, für das tägliche Brot für alle Menschen auf der Erde. „Wenn ich die biblischen Worte in moderne Sprache übersetze, bedeuten sie: Leute, übernehmt Verantwortung“, illustrierte Schindera.



