INTERVIEW WOLFGANG DREXLER, SPRECHER VON STUTTGART 21
„Es gab schon Morddrohungen“
ESSLINGEN/STUTTGART: Die Heftigkeit der Proteste gegen das Bahnprojekt hat den ehrenamtlichen Sprecher überrascht
In Esslingen und Umgebung kennt man Wolfgang Drexler als volksnahen und beliebten Politiker, der bei Kommunal- und Landtagswahlen stets ausgezeichnete Ergebnisse erzielt hat. Doch seit einem Jahr spielt der SPD-Landtagsabgeordnete plötzlich eine ganz neue Rolle: Als ehrenamtlicher Sprecher des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 ist er den Anfeindungen der Projektgegner ausgesetzt und wird sogar persönlich bedroht. Warum er sich das antut, erklärt der 64-Jährige im Interview mit EZ-Redakteur Kornelius FritzDrexler: Natürlich denkt man ab und zu daran. Das Projekt beschäftigt mich im Moment von morgens, wenn ich aufwache, bis abends, wenn ich einschlafe. Von der Masse an Arbeit und Informationen werde ich manchmal fast aufgesogen. Ich denke aber, wenn ich das Sprecheramt jetzt aufgeben würde, würde ich dieses Projekt, das ich gut finde und das viele Vorteile hat, beschädigen. Ich bin der Meinung, wenn man für eine Sache ist, dann sollte man auch dafür hinstehen und nicht wegtauchen.
Drexler: Natürlich ist Kritik aus den eigenen Reihen noch schwieriger zu verdauen. Immerhin unterstützt die SPD das Projekt seit 17 Jahren, es gibt einen Parteitagsbeschluss mit über 85 Prozent der Stimmen und in zwei Landtags-Wahlkämpfen stand Stuttgart 21 in unserem Parteiprogramm. Ich verstehe durchaus, dass es Sozialdemokraten gibt, denen es nicht leichtfällt, ein Projekt zu unterstützen, gegen das sehr viele Leute demonstrieren. Auf der anderen Seite sind wir aber schon immer eine Partei für die Schiene gewesen, und Stuttgart 21 ist aus meiner Sicht die einzige Chance, um die Schiene künftig auch für den Regionalverkehr stärker zu nutzen.
Drexler:Nein. Natürlich rüttelt es viele Menschen auf, wenn eine Sache konkret wird, wenn also Bagger anrücken wie jetzt beim Abriss des Nordflügels am Hauptbahnhof. Ich habe auch Verständnis dafür, dass das die Menschen emotional berührt. Ich habe allerdings nicht erwartet, dass der Protest so stattfindet, wie wir es im Moment erleben, denn wir bauen doch nur einen Bahnhof und neue Schienen und kein Atomkraftwerk.
Drexler: Das Hauptproblem ist, dass dieses Projekt bis September 2009 kaum kommunikativ vertreten worden ist. Nachdem Stuttgart 21 in Umfragen lange Zeit immer eine Mehrheit in der Bevölkerung hatte, waren die Projektträger der Meinung, das ist eine gute Sache und haben sich nicht weiter um die Kommunikation gekümmert. Das war der größte Fehler, denn Großprojekte wecken grundsätzlich Ängste. Sie können deshalb nur funktionieren, wenn man die Menschen mitnimmt. In Wien hat das beim Umbau des Bahnhofs sehr gut funktioniert, hier wurde das leider versäumt. Diese Fehler innerhalb weniger Monate aufzufangen, ist nicht möglich. Viele Menschen haben sich inzwischen ihre Meinung gebildet und werden diese auch nicht mehr verändern.
Drexler: Es ist schon schmerzhaft, wenn man für Dinge verantwortlich gemacht wird, für die man gar nicht verantwortlich ist oder wenn man von Menschen beschimpft wird, die einen gar nicht kennen. Aber es gibt auch andere Situationen: Neulich hat mich am Bahnhof eine Gruppe aus Tuttlingen erkannt und mich darin bestärkt, dass der Bahnhof umgebaut werden muss. So etwas gibt es also auch. In Esslingen, wo man mich besser kennt, habe ich eine solche Stimmung wie in Stuttgart ohnehin noch nicht erlebt.
Drexler: Ich bekomme täglich böse Briefe und Anrufe. Es gab auch schon Morddrohungen. Damit umzugehen, ist für jemanden, der wie ich gerne mit den Menschen redet und auf Menschen zugeht, auch wenn sie anderer Meinung sind, nicht einfach. Die alte Offenheit zu bewahren, kostet viel Kraft.
Drexler:Ich hoffe es nicht. Von den Projektgegnern höre ich zwar immer wieder den Satz: „Wir werden dafür sorgen, dass Sie nicht mehr in den Landtag kommen.“ Ich sage dann aber immer: „Das entscheidet nicht ihr, sondern die Wähler in meinem Wahlkreis.“ Und ich denke, dass die bei der Beurteilung eines Politikers auch berücksichtigen, was er sonst noch für Auffassungen hat und wie er Politik in der Stadt und im Umland vertritt. Im Übrigen glaube ich, dass die Leute lieber Politiker wollen, die auch mal mit Kante hinstehen als solche, die zwar im Parlament für ein Projekt stimmen, dann aber hinterher wegtauchen.
Drexler: Ja, es wird nur schwieriger. Viele Aufgaben, die mit Stuttgart 21 zusammenhängen, mache ich spät abends bis nachts um eins oder zwei. Aber das geht natürlich an die Substanz. Langfristig muss ich überlegen, wie man das organisatorisch anders in den Griff bekommt, denn meine Haupttätigkeit ist Esslinger Landtagsabgeordneter und Landtagsvizepräsident. Und ich möchte auch in Zukunft möglichst viel bei den Leuten in Esslingen sein.
Drexler: Ich hoffe, dass die Stuttgarter bis dahin die Vorteile des Projekts für ihre Stadt, zum Beispiel die hundert Hektar Entwicklungsgebiet oder den neuen Park wahrnehmen. Und ich hoffe, dass bis dahin durch den verbesserten Schienenverkehr deutlich wird, dass dies ein umweltfreundliches Projekt ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Großprojekt, das zunächst auf Widerstände gestoßen ist, wenn es fertig ist, positiv aufgenommen wird. Vielleicht kann ich ja dann mit manchen, die heute noch gegen Stuttgart 21 sind, mit dem ersten Zug in den neuen Bahnhof fahren.



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